Melanie am Letzten – Folge 74: Als man noch Bundestrainer war

Es ist ein Wahnsinn, ein Irrsinn und nicht selten ein Blödsinn: So geht es zu im Tollhaus Welt. Der Mensch neigt zu seltsamen Verhaltensweisen, die schockieren, alarmieren oder amüsieren können. Was hilft zu guter Letzt? Die Poesie. Nicht ärgern, stänkern oder meckern, sondern dichten – meint die schwarzhumorige Poetin Melanie Arzenheimer und kommentiert die Deadlines des Lebens jeweils am Monatsende auf DAS GEDICHT blog.

 

Man muss ja so vorsichtig sein, was man sagt. Irgendeiner ist schließlich immer empört. Und ja nicht das C-Wort in die Diskussion einwerfen. Corona! Oha. Jetzt hab ich es doch gemacht. Na schön. Es ist raus. Ja, in diesem Text geht es um Corona. Und um Menschen. Beides hängt schließlich irgendwie zusammen, selbst wenn einige Vertreter des homo sapiens behaupten, es gäbe dieses Virus gar nicht. Sherlock Holmes, die Loreley oder den Pumuckl hats auch nie gegeben, trotzdem wurde und wird über sie gesprochen. Aber man trifft in einer Diskussion über die Loreley nicht zwingend auf lauter Experten für weibliche Gestalten der Kunstsage im beginnenden 19. Jahrhundert.

Bei Corona ist das anders. Da kennt sich jeder aus und man muss mitten in der Konversation befürchten, dass das Gegenüber auf einem Tablet eine selbstgebastelte Statistik hervor holt und anfängt einen Vortrag über Virologie und Seuchengeschichte zu halten. Puh. Das ist ja so was von anstrengend. Früher war wenigstens jeder Fußballbundestrainer oder (noch früher) ein Gesandter des Herrn. Dann wurde dem Jupp Derwall die Aufstellung der Nationalmannschaft erklärt und dem Ungläubigen der Weg ins Himmelreich. Das war erwartbar und überschaubar. Aber jetzt? Gesundheitsexperte mit Statistik-Diplom und Bachelor in Pestilenz-Resistenz. Sogar Oma Hilde kennt sich inzwischen besser aus als ihr Hausarzt. Deswegen kommt der erst gar nicht mehr vorbei. Soll sie sich doch selber diagnostizieren und kurieren. Oh weh. Dieses Corona. Man kann sich kaum noch an die Zeiten erinnern, in denen es diese Plage nicht gab…

 

Prä-coronales Partyvergnügen

Wir feiern ein Fest!
jubelt die Pest

Wunderbar!
schreit Cholera

Find ich gut!
spricht die Tollwut

Was für ne Chose!
kreischt Tuberkulose

Alle frohlocken!
Nur nicht die Pocken
die bocken
und bleiben hocken

© Melanie Arzenheimer, Eichstätt

 

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

»Melanie am Letzten« wird Ihnen von Melanie Arzenheimer präsentiert. Sie wurde 1972 in Eichstätt / Bayern geboren, wo sie heute noch wohnt. Melanie Arzenheimer arbeitet als freiberufliche Journalistin, Autorin und Hörfunkmoderatorin.
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Alle bereits erschienenen Folgen von »Melanie am Letzten« finden Sie hier.

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