Neugelesen – Folge 13: Aðalsteinsdóttir, Atlason, Kozempel (Hrsg.) »Isländische Lyrik«

Literatur ist vergänglich, trotz ihrer Materialität. Denn allmählich entschwinden Bücher in Archivbibliotheken und verlassen unseren Erfahrungshorizont. David Westphal möchte in Nachfolge an die Kolumne »Wiedergelesen« dagegen anschreiben. Er stellt an jedem 15. des Monats Vergessenes und Neugelesenes in seiner Rubrik »Neugelesen« vor (in memoriam Erich Jooß, † 2017).

 

Island, Reykjavík, 15.01.2019, knapp unter 0°C; leichter Schneefall. Mit dem Wetter lässt sich bekanntermaßen jeder Tratsch gut eröffnen – insbesondere wenn einem nichts Besseres einfällt. Was weiß ich schon von Island? Irgendwie ist es Europa, aber auch sehr weit weg vom Festland. Es ist etwas größer als Berlin, hat aber weit weniger Einwohner. Der Lebensstandard ist hoch, aber das Land taucht immer mal wieder in den Medien wegen Bankenkrisen und Korruptionsskandalen auf. Außerdem ist es mittlerweile ein sehr beliebter Reiseort und die Landesmannschaft hat bei der Fußball-WM und -EM nicht nur beeindruckt, sondern mit ihrem martialischen Fanjubel auch bleibenden Eindruck hinterlassen. Sie essen Schafsköpfe, das Landleben ist sehr rau und auch im Sommer wird es nicht so recht warm, obwohl es kaum dunkel wird. Und schon sind wir wieder beim Wetter angelangt.

Nun bin ich sicherlich kein Maßstab für detaillierte Weltpolitik und die Weltenbummlerei löst in mir zunehmend den fahlen Beigeschmack globaler Klimakatastrophen aus. Doch den allerwenigsten wird bekannt sein, dass man es mit einer großen Lyriktradition zu tun hat. Die schriftliche Fixierung der ersten Verse lag um 1200 und hat meist den nordisch-mythologischen Stoff als Inhalt, der klarerweise mit der Besiedelung nördlicher Völker im 9. Jahrhundert zusammenhängt. Wie zu Beginn der isländischen Lyrik blieb der Einfluss Europas stets stark, auch da es ein heimlicher Schauplatz euorpapolitischer Auseinandersetzung und Missionierungen war. Sowohl Romantische Innerlichkeits- und Naturlyrik als auch revolutionäre Freiheitsgedanken sind im 19. Jahrhundert stark vertreten. Während in Mitteleuropa um 1900 das sogenannte fin de siècle zu neuen Formen drängte und sich die Schulen überschlugen zwischen Symbolismus und Naturalismus, können wir in dieser Sammlung isländischer Dichtung selbe Entwicklungen Seite für Seite ablesen.

Im 20. Jahrhundert dann, als die große Abgeschiedenheit Islands zunehmend abnahm, gelangten mehr und mehr gesellschaftspolitische Inhalte aufs Papier. Es gab sogar eine ganze Riege an Dichterinnen und Dichtern, die man als „Atomdichter“ bezeichnete, da der kalte Krieg auf allen Schultern lastete – auch auf jenen der isländischen Bevölkerung. Selbst Entwicklungen wie die Metadichtung oder die Konkrete Poesie haben isländischen Widerhall gefunden. Keineswegs aber dürfen wir erwarten, dass sich die Lyrikerinnen und Lyriker dem europäischen Festland anbiederten. Schließlich ist Island selbst Europa, das darf man nicht vergessen. Der Widerhall ist geprägt durch die ganz eigene Beschaffenheit der isländischen Begebenheiten.

Der Band Isländische Lyrik, insbesondere die zweite Hälfte, tobt zwischen nationaler Heimatliebe, provinzieller Abgeschiedenheit und Weltenbürgertum: liebend und hassend; vernichtend und erhaltend; lobend und kritisch; ein volles Spektrum auf einer Insel des Lichtes und der Schatten. Während normale Leserinnen und Leser unser Orts vermutlich nicht einen einzigen, isländischen Autor kennen, finden sich Namen wie Homer, Theodor Storms Hauke Haien und Goethe sehr wohl in Island. Liebe geht durch den Magen, aber die Wertschätzung fremder Kulturen geht über Kunst! Das Buch, das zur Frankfurter Buchmesse 2011 erschien, rückt Europa wieder etwas näher zusammen und gibt Einblicke in ein Land und seine Geschichte, die uns nur die Lyrik vermitteln kann: von 1200 bis heute. „Für jeden Lyrikleser ist das Buch eine Entdeckung, mit einem großen Nachteil freilich: es hat nur 223 Seiten!“ (Siegfried Völlger, Hugendubel-Blog)

 

"Isländische Lyrik, © Insel Verlag

Coverabbildung (Insel Verlag)

 

 

 

 

 

 

 

Aðalsteinsdóttir, Atlason, Kozempel (Hrsg.): Isländische Lyrik
Insel Verlag 2011
Softcover, 223 Seiten
ISBN: 978-3-458-35754-4

 

 

 

 

David Westphal. Foto: Volker Derlath

David Westphal. Foto: Volker Derlath

David Westphal, geboren 1989 in München, wo er auch lebt. Studium der Philosophie, Germanistik, Literatur- und Kulturtheorie zu Gießen und Tübingen. Gedichtveröffentlichungen in verschiedenen Anthologien.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Neugelesen« finden Sie hier.

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