Neugelesen – Folge 14: Hans Wagener (Hrsg.) »Es schlug mein Herz«

Literatur ist vergänglich, trotz ihrer Materialität. Denn allmählich entschwinden Bücher in Archivbibliotheken und verlassen unseren Erfahrungshorizont. David Westphal möchte in Nachfolge an die Kolumne »Wiedergelesen« dagegen anschreiben. Er stellt an jedem 15. des Monats Vergessenes und Neugelesenes in seiner Rubrik »Neugelesen« vor (in memoriam Erich Jooß, † 2017).

 

„Ich sage ich und könnt auch sagen wir.“ – Es muss innigste Liebe sein, über die Bert Brecht im Sonett Nr. 19 schreibt, welches mit diesem Vers endet. Viele Leserinnen und Leser werden gewiss schon einmal geliebt und deshalb vielleicht sogar mehrere, schöne Valentinstage verbracht haben, von denen wir einen gestern erst wieder begehen durften: ein Festtag für Liebende. „in der Liebe / sich zu verlieren“ ist einfach, zeigt Alfred Brendel, „einer neuen / paradoxen Schwerkraft untertan“. „keine frage da ist was“ beginnt Michael Lentz sein Liebesgedicht.

Der durch die gesamte, deutschsprachige Lyrikgeschichte galoppierende Band aus dem Reclam Verlag bietet einem einen wundervollen und sehr liebenswerten Einblick in die Vielseitigkeit der Liebe. Die Geschichte der Liebeslyrik ist gleichbedeutend mit den Entwicklungen der Lyrik allgemein, heißt es im Nachwort. Es wurde immer geliebt. Man bekommt einen wertvollen Eindruck davon, was es damals und heute geheißen hat, zu lieben, während die Lyrikerinnen und Lyriker sich an der Deutung dieses allerseltsamsten und allzu menschlichen Gefühls versuchen. Trotz des Facettenreichtums sind sich doch alle recht einig darüber, was Liebe bedeutet: eine tiefe Verbundenheit zweier Menschen, die Körper und Geist beinahe überfordert zu Beginn, aber mit sinkender Aufregung umso verbindlicher wird – doch freilich enden kann auch sie, wie in der Sachlichen Romanze von Erich Kästner: Ihnen „kam ihre Liebe plötzlich abhanden. / Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.“ Die beiden konnten es nicht fassen, aber blieben vorerst doch noch zusammen, „betrugen sich heiter“.

Es wird der Tag kommen, an dem sie sich trennen werden müssen, um glücklich zu werden. Und dann? Dann sind sie beide Singles. Nichts Ungewöhnliches, sowas geschieht täglich irgendwo auf der Welt, auch an Valentinstag. Interessant aber ist doch, dass in dem Band, der historisch angeordnet ist, im letzten Jahrhundert kein Gedicht über Singles geschrieben steht, obschon das Singledasein zum weit verbreiteten Beziehungsstatus erwachsen ist. Warum auch? Man benötigt doch mindestens zwei Personen für die Liebe! Das mag wohl sein. Umso beachtlicher der eigentliche Grund für mich, nun doch, entgegen anfänglicher Impulse, über Liebeslyrik anlässlich des Valentinstages zu schreiben: Tinder, die berühmte App zum Kennenlernen. Seit wenigen Wochen machen die Anbieter verstärkt Plakatwerbung und gewiss ist es kein Zufall, so kurz vor Valentinstag damit zu beginnen. Das interessante daran: Beworben wird das Single-Dasein: Singles machen, was sie wollen – und natürlich ist Tinder die perfekte Begleiterin dafür. Dort geht es nicht um Partnervermittlung, sondern um Dating, unkompliziertes Kennenlernen und meistens auch um Sex. Doch was macht das aus der Idee des Festtags der Liebe?

Wäre die Idee nicht längst an allen Ladentheken der westlichen Welt gestorben, dürfte man jetzt darum trauern. Aber vielleicht brauchen wir die Liebe auch nicht mehr in der hergebrachten Form. Vielleicht befreit sich die Liebe gerade von Klischees der letzten Jahrhunderte und wird wahrlich frei und ungezwungen. So wäre die romantische Liebe bis ans Lebensende nur eine Konzeption von vielen. Die von mir beschworene Vielseitigkeit der Liebe in diesem Band wäre dann an der Schwelle, bedeutend dazu zu gewinnen! Ich jedenfalls bin gespannt auf den nächsten Liebeslyrikband der Gegenwart in zwanzig oder dreißig Jahren. Für jetzt lasse ich mich aber noch etwas von dem Entführen, was uns die Literatur schon zu bieten hat und dafür ist dieses Buch genau richtig! Liebe auf den ersten Blick sozusagen – wie altmodisch…

 

"Es schlug mein Herz", Hrsg. Hans Wagener

Coverabbildung (Reclam)

 

 

 

 

 

 

 

Wagener, Hans:
Es schlug mein Herz. Deutsche Liebeslyrik
Reclam 2015
Hardcover, 536 Seiten
ISBN: 978-3150110089

 

 

 

 

David Westphal. Foto: Volker Derlath

David Westphal. Foto: Volker Derlath

David Westphal, geboren 1989 in München, wo er auch lebt. Studium der Philosophie, Germanistik, Literatur- und Kulturtheorie zu Gießen und Tübingen. Gedichtveröffentlichungen in verschiedenen Anthologien.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Neugelesen« finden Sie hier.

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