Neugelesen – Folge 15: Matthias Politycki »London für Helden. The Ale Trail«

Literatur ist vergänglich, trotz ihrer Materialität. Denn allmählich entschwinden Bücher in Archivbibliotheken und verlassen unseren Erfahrungshorizont. David Westphal möchte in Nachfolge an die Kolumne »Wiedergelesen« dagegen anschreiben. Er stellt an jedem 15. des Monats Vergessenes und Neugelesenes in seiner Rubrik »Neugelesen« vor (in memoriam Erich Jooß, † 2017).

 

Ich habe gerade in den Kalender gesehen: Es ist schon April! Was ist nur passiert? Kann es etwa sein – nein, das ist unmöglich. Aber vielleicht doch. Vielleicht habe ich es letzten Monat etwas übertrieben. Vielleicht folgte ein Bier dem nächsten, zwischen Kneipen ein paar Zigaretten, zwischen Zigaretten noch mehr Bier. Das Bier schmeckte nicht, nein, es schmeckte; nach etwas. Nach Feudel. „Ich bin die Bierhure“.

Während ich meine Kneipentouren üblicherweise in München stattfinden lasse, war Matthias Politycki auf einem Pubcrawl in London und hat daraus den Gedichtband London für Helden. The Ale Trail gegossen. Vierundzwanzig Pubs, ungezählte Biere und ein Abenteuer für Helden. Im Mittelpunkt steht neben der Liebe zu London ganz klar das Bier. Und an dieser Stelle wird der Held der Gedichte zum Antihelden: er kann das viele Ale nämlich nicht ausstehen! Es schmeckt nach Putzlappen, Eukalyptusbonbons, Kerosin und ein Stinktierbier jagt das nächste. Seine Sprache ist flapsig, keiner Königsgattung würdig; aber einer zünftigen Kneipe sehr wohl, in der schnell mal der Nationalismus überschwappen kann, in der vom malzigen Bier der Boden klebt, wo Fußball geschaut wird und einfache Menschen in einer gleichsam wie München häufig überkandidelten Stadt ein manchmal in überbordenden Oldenglish-Kitsch hinübergleitendes Wohnzimmer finden. Wo wäre hoher Stil deplatzierter als dort? Nein, dort darf es derb sein, dort wird Ale getrunken, dort wird zu viel Ale getrunken, als es gut für unseren Antihelden oder sonst irgendwen wäre.

Es klingt vielleicht nicht danach, aber das Buch ist eine Liebeserklärung, nur eben durchwachsen von Ironie und bewundernder Distanz durch den festlandeuropäisch geschulten Bierdurst. Und jener Bierdurst packt mich beim Lesen dieses Buches immer und immer wieder, denn nichts bleibt abstrakt: Das Buch ist durchaus ein lyrisch-konkreter Kneipen und Bierführer, in dem Werbeversprechen zitiert, Etiketten abgedruckt und Pubs genannt werden, die interessanter klingen als die ihrer Vorgänger und zeitgleich vom Antihelden abgewatscht werden. Das ist Reiselyrik einer ganz anderen Art und ein entscheidend wichtiger Gedichtband, bedenkt man, wie viele junge Menschen täglich durch die Städte der Welt ziehen, wie viele Stammgäste auf ihr lokales Bier schwören und es jederzeit leidenschaftlich gegen Biere der Nachbarstadt verteidigen. Statt hier also noch akademisch zu werden und von einem deutschen Odysseus in London in irischem Stil zu schwärmen, sollte ich lieber in die nächste Eckkneipe gehen, ein Münchner Hell bestellen und dem Kneipenkönig lauschen. Vielleicht mag er sogar Gedichte, dann schenke ich ihm Polityckis London für Helden – nein, besser gebe ich ihm einfach ein Bier aus. Prost.

"London für Helden. The Ale Trail" von Matthias Politycki
Coverabbildung (Verlag Hoffmann und Campe)

 

 

 

 

 

 

 

Matthias Politycki
London für Helden. The Ale Trail
Hoffmann und Campe Verlag, 2011
Hardcover, 98 Seiten
ISBN: 978-3-455-40323-7

 

 

 

 

David Westphal. Foto: Volker Derlath
David Westphal. Foto: Volker Derlath

David Westphal, geboren 1989 in München, wo er auch lebt. Studium der Philosophie, Germanistik, Literatur- und Kulturtheorie zu Gießen und Tübingen. Gedichtveröffentlichungen in verschiedenen Anthologien.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Neugelesen« finden Sie hier.

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