Neugelesen – Folge 16: Friedrich Nietzsche »Die fröhliche Wissenschaft«

Literatur ist vergänglich, trotz ihrer Materialität. Denn allmählich entschwinden Bücher in Archivbibliotheken und verlassen unseren Erfahrungshorizont. David Westphal möchte in Nachfolge an die Kolumne »Wiedergelesen« dagegen anschreiben. Er stellt an jedem 15. des Monats Vergessenes und Neugelesenes in seiner Rubrik »Neugelesen« vor (in memoriam Erich Jooß, † 2017).

 

Einladung
Wagt´s mit meiner Kost, ihr Esser!
Morgen schmeckt sie euch schon besser
Und schon übermorgen gut!
Wollt ihr dann noch mehr, – so machen
Meine alten sieben Sachen
Mir zu sieben neuen Muth.
Friedrich Nietzsche

Ach, wie viel ist schon über Nietzsche gesagt worden: Nietzsche als Philosoph, Nietzsche als Goethe-Anhänger, Nietzsche als Wagnerianer, Nietzsche als Religionskritiker; Gott ist tot; wir haben noch nicht gelernt, die richtigen Feste zu feiern; kein Sieger glaubt an den Zufall. Ein riesiger Schatz an Kalendersprüchen und geflügelten Worten ist Nietzsches Werk allemal und wird gerne als solcher ausgeschlachtet. Sloterdijk, Frauke Petry wissen ihren Nietzsche in Stellung zu bringen, ebenso wie progressivere Kräfte es tun. Nein, wie das schmerzt. Doch Nietzsche selbst, so darf man glauben, würde diesem Schicksal lachend entgegentreten, in aller Fröhlichkeit, bei aller Ernsthaftigkeit. Adorno, selbst großer Nietzsche-Leser, findet die passenden Worte dazu: „Philosophie ist das Allerernsteste, aber so ernst wieder auch nicht.“

Was im öffentlichen Diskurs über Nietzsche, sofern er überhaupt existiert, häufig keine Erwähnung findet, ist sein dichterisches Werk. Es ist auch kein grenzenlos großer Korpus, den man dort findet, aber doch ein feinsinniger. Ein Beispiel ist das Vorspiel und der Anhang zu seiner fröhlichen Wissenschaft: Scherz, List und Rache, und Lieder des Prinzen Vogelfrei. Mit äußerst sicherem Fuße verfasst er seine Gedanken in Verse und Reime, die dadurch umso philosophischer werden. Nicht etwa, weil sich die philosophischen Gedanken durch des Dichters Hand verdunkeln, sondern im Gegenteil, da sie sich verdichten und Aspekte offenbaren, die in einem philosophischen Traktat nicht zur Geltung kämen.

In der fröhlichen Wissenschaft sehnt sich Nietzsche nach einer Philosophie wie Medizin und nach Philosophen wie Ärzten (leider muss man festhalten, dass er ganz gewiss nicht nach Philosophinnen und Ärztinnen gesucht habe, aber das ist ein anderes Thema). Zudem beschwört er den Künstlerphilosophen herauf. Die zerschlagende Kraft der reinen Philosophie kann doch nur zu ihrer eigenen Auflösung führen. Was könnte man dem entgegenstellen? Die Schöpfungskraft der Kunst etwa. Und so zirkuliert in seiner Philosophie, wie in seiner Kunst, der jeweilige Gegenpart unzertrennlich vom anderen. Nietzsche wird häufig nachgesagt, er sei der alleszertrümmernde Philosoph gewesen; der, der mit dem Hammer philosophiere. Doch diese Deutung ist irreführend: er zertrümmert nicht, er klopft ab und hört hin, ob die Dinge Substanz haben, wie sie klingen, ob sie nicht in Wirklichkeit hohl sind (vgl. dazu z.B. die Götzen Dämmerung).

Dieses Abklopfen kommt in seinen Gedichten ganz besonders zum Ausdruck. Mit einem kurzen Schlag in drei Versen werden die Leserinnen und Leser darauf aufmerksam, dass Glatteis für Tänzer ein „Paradeis“ ist und die beste Geisteshaltung für einen Bergsteiger, nicht an den Berg zu denken, sondern ihn zu besteigen. Zugleich warnt er zu großer Vorsicht vor geistlosen Menschen. Das Bild des denkenden Menschen wandelt sich. Zwischen den Gedichten entsteht ein praxisnaher und tanzender Denker, ein denkender Künstler; nur eines von vielen Themen in seinen Gedichten. Es mag abgehoben klingen, doch wagt es mit seiner Kost, ihr Esser! Morgen schmeckt sie euch schon besser. Mithin gilt für sein Gesamtwerk, was er seinem Zarathustra voranstellt: „für Alle und Keinen.“

 

Friedrich Nietzsche, "Die fröhliche Wissenschaft"

Coverabbildung (Reclam)

 

 

 

 

 

 

 

Friedrich Nietzsche
Die fröhliche Wissenschaft
Reclam
Softcover, 326 Seiten
ISBN: 978-3-15-007115-1

 

 

 

 

David Westphal. Foto: Volker Derlath

David Westphal. Foto: Volker Derlath

David Westphal, geboren 1989 in München, wo er auch lebt. Studium der Philosophie, Germanistik, Literatur- und Kulturtheorie zu Gießen und Tübingen. Gedichtveröffentlichungen in verschiedenen Anthologien.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Neugelesen« finden Sie hier.

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