Neugelesen – Folge 18: Mohammed Schemsed-Din Hafis »Der Diwan«

Literatur ist vergänglich, trotz ihrer Materialität. Denn allmählich entschwinden Bücher in Archivbibliotheken und verlassen unseren Erfahrungshorizont. David Westphal möchte in Nachfolge an die Kolumne »Wiedergelesen« dagegen anschreiben. Er stellt an jedem 15. des Monats Vergessenes und Neugelesenes in seiner Rubrik »Neugelesen« vor (in memoriam Erich Jooß, † 2017).

 

Mohammed Schemsed-Din Hafis ist für mich eine Neuentdeckung und bisher die Älteste in dieser Reihe. Sein Ehrenname Hafis zeigt an, dass er den Koran auswendig aufsagen konnte; und dies schon seit Kindertagen. Echte Hingabe zum Wort und leidenschaftliche Arbeit daran brachten ihn zu einigem Ruhm. So wurde er ungefähr in der Mitte seiner zwanziger Jahre zum Hofdichter. Über sein Leben ist nicht allzu viel bekannt, denn es begann 1315 im Iran und endete 1390. Dass Joseph von Hammer-Purgstall (1774 – 1856), seinerzeit einer der wenigen und wichtigsten Übersetzer arabisch-islamischer Literatur, Hafis‘ Werk Aufmerksamkeit schenkte, war vor allem Hafis‘ Status als Dichterfürst geschuldet. Allein dies ein Grund, ihn neu zu lesen. Doch abgesehen von der historischen Bedeutung: Was hinterlässt Hafis für den heutigen Leser?

Vorab: eine ganze Menge! Sein Diwan, was nicht mehr als das persische Wort für Sammlung ist, umfasst hunderte Gedichte, die über die gesamte Zeit seines Daseins entstanden. Wenngleich seine Religion für sein Werk eine wichtige Rolle spielt, ist sie aber thematisch nur einer von vielen Lebensmittelpunkten, die er beschreibt. Großes Thema ist die Liebe. Es sind dabei sehr klassische Gedichte, die den Ursprung der Arabeske offenbaren: Blumenmetaphern, Naturvergleiche und die unerreichte Schönheit seiner Muse. Überbordend sind sie dabei nicht, sogar sehr schön, manchmal aber dann doch zu viele Blüten nacheinander, sodass die einzelne nicht mehr richtig zur Geltung kommt.

Was überrascht, ist die starke Präsenz von Alkohol, vom Wein, ja auch von Trunkenheit. Überraschend? Hier erwische ich mich wohl selbst in meinen Vorurteilen über die islamische Welt, die deutlich pluralistischer war und ist, als das allgemeine Bild davon es vortäuscht: „Reich mir, o Schenke, das Glas!“, „Schaue die Lust des purpurnen Weines!“ Hier wird genossen und mitunter gevöllert. Zwischen Laudatio, Siegeshymne und Protestlied ist sehr viel möglich und Hafis bringt sie formvollendet, wortgewandt und kritisch, zuweilen mystisch, zu Papier. Es kann nicht darum gehen, seinen Diwan als historisches Dokument der arabisch-islamischen Welt des vierzehnten Jahrhunderts zu lesen, doch man betritt eine fremde, zugleich sehr reale Welt, die den Menschen und seine Zeit sehr authentisch und wenig religiös überhöht darstellt; auch dieses Vorurteil über einen islamischen Dichter muss fallen. Zudem ist Hafis‘ Diwan ein Fundus arabischer Gedichtformen, für die Hammer-Purgstall in der deutschen Übertragung überaus viel Feingefühl bewiesen hat.

Verschweigen lässt sich nicht, dass die Gedichte in der Übersetzung in etwas altertümlichem Gewand daherkommen. Doch deshalb sollte dieser Ausflug vom Wohnzimmersessel aus in die arabisch-islamische Vergangenheit nicht abgesagt werden, sind es schließlich trotzdem sehr stimmige Übertragungen, die alles tun, eine gewisse Melodie der Kompositionen mit hinüber zu nehmen. Hinzu kommt die reiche Kommentierung des Übersetzers selbst, die mit einigen Unklarheiten aufräumt, zusätzliche Informationen liefert und gewisse Bilder veranschaulicht, die für Mitteleuropäer nicht ohne Weiteres nachvollziehbar sind. Es ist vielleicht nicht die einzige Übertragung von Hafis Diwan, und für heutige Leserinnen und Leser nicht die eingängigste, doch jene mit der historisch größten Tragweite: Auch Goethe, der sich sehr für die arabisch-islamische Welt interessierte, hat Hafis‘ Gedichte in dieser Übersetzung erwiesenermaßen gelesen, geliebt und verinnerlicht.

 

Buchcover: "Der Diwan" von Hafis

Coverabbildung (marixverlag)

 

 

 

 

 

 

Hafis
Der Diwan.
Die Auswahl der schönsten Gedichte in der Übersetzung von Joseph von Hammer-Purgstall
marixverlag
Hardcover, 256 Seiten
ISBN: 978-3-86539-305-0

 

 

 

 

David Westphal. Foto: Volker Derlath

David Westphal. Foto: Volker Derlath

David Westphal, geboren 1989 in München, wo er auch lebt. Studium der Philosophie, Germanistik, Literatur- und Kulturtheorie zu Gießen und Tübingen. Gedichtveröffentlichungen in verschiedenen Anthologien.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Neugelesen« finden Sie hier.

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