Neugelesen – Folge 20: Eugen Gomringer (Hg.) »konkrete poesie«

Literatur ist vergänglich, trotz ihrer Materialität. Denn allmählich entschwinden Bücher in Archivbibliotheken und verlassen unseren Erfahrungshorizont. David Westphal möchte in Nachfolge an die Kolumne »Wiedergelesen« dagegen anschreiben. Er stellt an jedem 15. des Monats Vergessenes und Neugelesenes in seiner Rubrik »Neugelesen« vor (in memoriam Erich Jooß, † 2017).

 

achim raven beschwört in seiner ersten folge des „kniffligen Poesiepuzzles“ auf dasgedichtblog.de den vers. eugen gomringer schaffte ihn um die mitte des letzten jahrhunderts ab. seine dichterkolleginnen der konkreten poesie und er. das aufregende an ihr: die konkrete poesie begreift sich als konsequenz, dass sprache einen weg der funktionalisierung eingeschlagen hat. sie wird schlanker, prägnanter, die schlagzeile wird immer relevanter und der vers, wie die strophe, hat nicht mehr viel mit der sprache, wie wir sie als sprachbenutzerinnen kennenlernen, zu tun. gomringer behauptet auch, dass die konsequente kleinschreibung das am einfachsten zu erfassende textbild abgibt. einen versuch wert.

nun darf man glauben: die ständige sprachreduzierung des medialen alltags ist etwas, was poesie unmöglich macht. sprache verliert ihre magie und verendet im gebrauchswert. Das gelte auch für das schriftbild. gomringer widerspricht. konzentration und verknappung sind kerngeschäft von poesie. diese verwandtschaft zwischen alltag und dichtung besteht mithin nur noch außerhalb der verse. denn verse sind nunmehr eine historische größe, nichts weiter. ein affront. aber nicht nur. auch die beobachtung, dass unserer sprache tatsächlich nicht mehr viel vom vershaften anhaftet (achim raven zeigt hingegen an einem fußballfangesang, dass das so nicht allgemeingültig ist).

was macht die konkrete poesie überhaupt? keine verse, keine strophen. doch gedichte. es sind gedichte, in denen das schriftbild und die anordnung der wörter und buchstaben wie nie zuvor in den vordergrund rücken. es entstehen wolken und häuser aus „wolke“ und „haus“. Es entstehen typographische bilder, die sich um ein einzelnes wort verknappen, wie franz mons utopie. der raum um die worte, diese ansonsten vulgäre leere, die vornehm ignoriert wird, gewinnt an potenzial, wird umspielt und umschlossen von den buchstaben, bekommt einen überraschungsauftritt. es ist nicht besonders einfach, über poesie zu sprechen, die sich dem diskursiven verweigert. die bildliche verschriftlichung oder schriftliche verbilderung lässt sich nicht mehr per inhaltsangabe und stilanalyse wie goethes erlkönig oder schillers bürgschaft dingfest machen. so schwierig es ist, darüber zu sprechen, so unmittelbar ist ihr eindruck. Mit einem blick lassen die gedichte sich häufig schon erfassen. ein merkwürdiges missverhältnis zwischen theorie und gegenstand. kein seltenes.

seit gomringer als einer der pioniere der konkreten poesie diese weise des dichtens erarbeitet hat, ist sie nicht mehr aus der literaturlandschaft wegzudenken. auch in das gedicht ist sie ständige begleiterin, wie zum beispiel babette werths behaust in der heimat auf den versen, bd. 24. in der überarbeiteten neuauflage von konkreter poesie von eugen gomringer versammelt der dichter als herausgeber wichtige schlüsseltexte dieser strömung aus dem letzten jahrhundert und veredelt sie mit der gegenwart konkreter poesie. dieser band ist kein lesevergnügen. denn das lesen ist nicht der primat. es handelt sich eher um ein dazwischen. ein noch nicht und nicht mehr zwischen bild und sprache. jedem poesieinteressierten sei dieser band ans herz gelegt. denn hier zeigt sich in der breiten welt der gedichte, was sprache, das heißt: text, auch kann. nur erwähnt sei, dass sich zudem am ende des bandes – formal betrachtet – konservative, theoretische texte finden lassen, die den band wirklich bereichern.

 

"konkrete poesie", Eugen Gomringer (Hg.)

Coverabbildung (Reclam Verlag)

 

 

 

 

 

 

Eugen Gomringer
konkrete poesie
Reclam
Softcover, 271 Seiten
ISBN 978-3-15-019554-3

 

 

 

 

David Westphal. Foto: Volker Derlath

David Westphal. Foto: Volker Derlath

David Westphal, geboren 1989 in München, wo er auch lebt. Studium der Philosophie, Germanistik, Literatur- und Kulturtheorie zu Gießen und Tübingen. Gedichtveröffentlichungen in verschiedenen Anthologien.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Neugelesen« finden Sie hier.

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