Neugelesen – Folge 22: W.G. Sebald »Über das Land und das Wasser«

Literatur ist vergänglich, trotz ihrer Materialität. Denn allmählich entschwinden Bücher in Archivbibliotheken und verlassen unseren Erfahrungshorizont. David Westphal möchte in Nachfolge an die Kolumne »Wiedergelesen« dagegen anschreiben. Er stellt an jedem 15. des Monats Vergessenes und Neugelesenes in seiner Rubrik »Neugelesen« vor (in memoriam Erich Jooß, † 2017).

 

Herr Sebald ist kein unbeschriebenes Blatt in der deutschen Literaturlandschaft. Nun muss man leider sagen: in der deutschen Literaturgeschichte. Er starb 2001 in Folge eines Autounfalles. Tatsächlich hat er sich über das englischsprachige Ausland die deutschsprachigen Leserinnen und Leser erobert. So ist das manchmal. Bekannt ist er als Prosaautor der Erinnerung, des Exils, des Reisens, der Natur, biographisch angehaucht. Für mich persönlich sind das jedoch nur aufgeschnappte Bildungsbrocken; der Gedichtband ist meine erste Sebald-Lektüre. Die Kommentatorinnen und Kritiker, was man so im Internet zu fassen bekommt, waren 2008, als der Band im Hanser Verlag erschien, bereits mit Sebalds Prosa sehr vertraut. Seine Lyrik war zu Lebzeiten eher ein Nebenprodukt. Die Gedichte erschienen u.a. in Zeitschriften oder lagen als unveröffentlichte Typoskripte bei seinen Unterlagen. Der Germanist Sven Meyer hat Sebalds Gedichte sorgfältig zu diesem Band zusammengetragen und in chronologischer Reihenfolge veröffentlicht. Es handelt sich um ausgewählte Gedichte zwischen 1964 und 2001.

Was nicht gerade editorisches Feingefühl benötigt, hat hier durchaus seinen Sinn, denn 1941 geboren, sind Gerade-noch-Jugendgedichte ebenso vertreten wie Noch-nicht-ganz-Altersgedichte. Sie unterscheiden sich bedeutend in Ton, Inhalt und Länge, erhalten aber ein gewisses, stilistisches Wesen. Sie sind in drei Konvolute aufgeteilt. Die Gedichte bewegen sich zwischen ganz in Ordnung, handwerklich einwandfrei, aber nicht umwerfend, und meisterlich. Die Themen sind seiner Prosa recht ähnlich und mit zunehmendem Alter des Autors und abnehmendem Alter der Gedichte werden sie schrittweise prosaischer und stilsicherer. Sie werden länger und sprachlich glänzender. Sie werden zielgerichteter, obwohl sie länger werden. Eine latente Melancholie schmückt seine Lyrik vortrefflich. Für mich das eigentlich spannende dieses Bandes: die Entwicklung durch die Zeit. Es ist wahrlich nicht der erste Band, der chronologisch Gedichte eines Autors präsentiert, doch hier fesselt es besonders. Man spürt eine eigentümliche Nähe zwischen den Gedichten, eine Art Identität jener, die sich wie bei einem menschlichen Leben stetig verändert. Die Gedichte für sich sind nicht zweitklassig, sie gehören unterm Strich aber auch nicht in das Poemenpantheon. Vielleicht war das nie ihr Ziel. Die Götter waren doch stets sehr theatralisch und exzentrisch. Das sind Sebalds Verse nie. Ihre freien, ungereimten Rhythmen sind kleine, unscheinbare Momente in harmonisch komponierter Sprache. Manchen eventuell zu unaufgeregt, aber wenigstens auf den zweiten Blick sehr lesenswert.

 

"Über das Land und das Wasser" von W.G. Sebald

Buchcover-Abbildung (Hanser Verlag)

 

 

 

 

 

 

 

Winfried Georg Sebald
Über das Land und das Wasser. Ausgewählte Gedichte 1964 – 2001.
Hanser Verlag, München 2008
Hardcover, 119 Seiten
ISBN 978-3-446-23069-9

 

 

 

David Westphal. Foto: Volker Derlath

David Westphal. Foto: Volker Derlath

David Westphal, geboren 1989 in München, wo er auch lebt. Studium der Philosophie, Germanistik, Literatur- und Kulturtheorie zu Gießen und Tübingen. Gedichtveröffentlichungen in verschiedenen Anthologien.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Neugelesen« finden Sie hier.

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