Neugelesen – Folge 25: Wisława Szymborska »Glückliche Liebe und andere Gedichte«

Literatur ist vergänglich, trotz ihrer Materialität. Denn allmählich entschwinden Bücher in Archivbibliotheken und verlassen unseren Erfahrungshorizont. David Westphal möchte in Nachfolge an die Kolumne »Wiedergelesen« dagegen anschreiben. Er stellt an jedem 15. des Monats Vergessenes und Neugelesenes in seiner Rubrik »Neugelesen« vor (in memoriam Erich Jooß, † 2017).

 

Wisława Szymborska ist ein merkwürdiger Fall der europäischen Literatur. Sie schreibt mit einem präzisen, aber stets verständlichen Vokabular. Sie schreibt aus einem Staunen heraus, dass ihrer Dichtung Zauber verleiht. Sie gilt als eine der wichtigsten polnischen Dichterinnen schlechthin, was sie sogar zur Nobelpreisträgerin machte. Und doch kam es anders, als zu Lebzeiten erhofft. Sie starb am 1.2.2012 in Krakau, kaum jemand redet noch von ihr außerhalb Polens.

In dem 2014 im Suhrkamp Verlag erschienen Band in der Übersetzung von Renate Schmidgall und Karl Dedecius, mit einem Nachwort von Adam Zagajewski, finden sich Gedichte der Lyrikerin von 2005 bis 2012. Es ist die letzte Zusammenstellung, an der sie gemeinsam mit Dedecius persönlich gearbeitet hat; ihr Vermächtnis sozusagen. Sie gibt viel zu denken. Szymborska ist eine Streunerin, eine Diebin, die sich schamlos an Material bedient, das ihr unter die Feder kommt. Ein Beispiel, das einen aufhorchen lässt, ist die Zusammenführung von Pu der Bär und Mein Kampf: beides benötigt kaum mehr als eine funktionierende Hand. Ich habe geschluckt. So provokant sind Szymborskas Gedichte aber eigentlich nicht. Sie sind eher skeptisch. Die großen Träume sind ausgeträumt, Edelmut meist doch nur ein Versteck, die großen Fragen manchmal doch so klein, während man in den Tag hineinlebt – hineinleben muss. Trotz alledem träumt man große Träume, trotzdem stellt man große Fragen.

Derzeit haben große Fragen und Träume in der Krise Hochkonjunktur. Wie wir leben wollen – jetzt und nach der Coronapandemie – ruft viele KommentatorInnen auf den Plan. Ein besonders gelungenes Projekt dazu ist das noch laufende Utopia des Metropol Theaters München. Dort fragen sich Menschen aus dem Umkreis des Theaters, wie etwa Konstantin Wecker oder der frühere Oberbürgermeister Münchens Christian Ude, was das alles zu bedeuten hat. Während sich bei Szymborska die großen Fragen immer wieder im laufenden Räderwerk aufzulösen drohen, sind sie in Zeiten des Stillstands sehr manifest.

Ist dieses Auslöschen höherer Dimensionen vielleicht der Grund, warum die Dichterin ihre gebührende Aufmerksamkeit einbüßen musste, wo häufig beklagt werde, es fehle an Visionen? Das kann ich von meiner Warte aus nicht eindeutig beantworten. Mithin gehen die Gedichte einen überaus spannenden Dialog mit unserer Zeit und ihren Individuen ein, und bei so manchen Seltsamkeiten, die auf dem Markt der GesellschaftskommentatorInnen grassieren, ist etwas Szymborska‘sche Skepsis, geschult am Widerstand sowjetischer Ideologie, nicht verkehrt. Nebenbei sei erwähnt, dass es sich ganz und gar nicht um Liebeslyrik im konventionellen Sinne handelt, wie es der Titel wohl verspricht. Pathetik liegt ihr fern. Worin die glückliche Liebe dieses dichterischen Werkes liegt, sei selbst zu entdecken.

 

"Glückliche Liebe und andere Gedichte" von Wisława Szymborska

Buchcover-Abbildung (Suhrkamp-Verlag)

 

 

 

 

 

 

 

Wisława Szymborska
Glückliche Liebe und andere Gedichte
Suhrkamp, Frankfurt 2014
Softcover, 104 Seiten
ISBN 978-3-518-46558-5

 

 

 

 

 

David Westphal. Foto: Volker Derlath

David Westphal. Foto: Volker Derlath

David Westphal, geboren 1989 in München, wo er auch lebt. Studium der Philosophie, Germanistik, Literatur- und Kulturtheorie zu Gießen und Tübingen. Gedichtveröffentlichungen in verschiedenen Anthologien.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Neugelesen« finden Sie hier.

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