Neugelesen – Folge 28: Eduard Mörike »Bilder aus Bebenhausen«

Literatur ist vergänglich, trotz ihrer Materialität. Denn allmählich entschwinden Bücher in Archivbibliotheken und verlassen unseren Erfahrungshorizont. David Westphal möchte in Nachfolge an die Kolumne »Wiedergelesen« dagegen anschreiben. Er stellt an jedem 15. des Monats Vergessenes und Neugelesenes in seiner Rubrik »Neugelesen« vor (in memoriam Erich Jooß, † 2017).

 

Während meines Studiums in Tübingen bin ich an heißen Sommertagen gerne zum Kloster Bebenhausen gelaufen. Eine kleine Wanderung durch einen dichten, kühlen Wald, selten hat man Menschen unterwegs getroffen. Kurz vor Erreichen des Klosters wurde man mit einem Blick in das Tal von Bebenhausen belohnt und konnte dort auf einer alten Holzbank Rast machen.

Die Klosteranlage hat sehr zum Verweilen eingeladen, die Gärten waren gepflegt und reich und sehr, sehr ruhig. Auch der Erhabenheit des Bauwerkes konnte man sich im Idyll hingeben und, sofern man einen Draht dazu hätte, in stillem Gedenken an Höheres Andacht halten. Ein ganz bemerkenswerter Ort in einem ganz kleinen Dörfchen, scheinbar abgeschnitten vom Rest der Welt.

 

Hinter den licht durchbrochenen Turm, wer malt mir dies süße,
Schimmernde Blau, und wer rundum das warme Gebirg? –
– Nein! wo ich künftig auch sei, fürwahr mit geschlossenen Augen
Seh ich dies Ganze vor mir, wie es kein Bildchen uns gibt.

 

Diese Verse schrieb der Pfarrer und Dichter Eduard Mörike 1863 in Bilder aus Bebenhausen. Sie stammen aus dem 11. und letzten Bild. Mörike verrät uns, dass der Verfasser, also er selbst, einige Wochen zu Bebenhausen im Klostergasthaus verbracht hat. Es soll der Familie Kielmeyer um den Naturforscher Karl Friedrich gehört haben.

Mörike gilt eigentlich als typischer Vertreter des Biedermeier: Weltflucht und Verklärung, dann aber doch etwas Melancholie, die das wohlige Bürgertum bedroht. Und so wird er häufig als Idyllenschreiberling in die Langweilerecke gestellt und höchstens zur Schullektüre seines Dinggedichtes Auf eine Lampe heraus gekramt. Ob ihm da mal nicht Unrecht widerfährt?

Nicht unbedingt. Man könnte sagen, dass es beachtlich sei, wie wenig vom dramatischen Weltgeschehen seiner Zeit durch seine Lyrik licht bricht. Sie sind zwar sehr formvollendet, aber eben auch wenig offenlegend oder grenzendurchbrechend. Doch was ist mit dem Moment? Der Moment, an dem, obwohl globale Krisen herrschten, ich nach Bebenhausen spaziert und meine Seele erquickt habe? Seltsam, nicht wahr, dass das veraltet wirkt. Mörike ist jedenfalls der Lyriker für diese Momente. Nicht revolutionär, aber wertvoll.

Obwohl. Einfältigkeit lässt sich seinen Gedichten nicht vorwerfen. In diesen leisen Versen, die ich den Leserinnen und Lesern oben präsentiere, steckt eine sprachliche Verflechtung, die durchaus weitreichende Gedanken in die Kunstphilosophie initiiert. Denn während er in den Bildern von Bebenhausen elf sprachliche Bilder zeichnet, endet das letzte Bild damit, dass das lyrische Ich aus den Gedichten sich gegen das Zeichnen der Landschaft entscheidet, könne doch kein Bildchen geschaffen werden, dass die Ganzheit der Landschaft wiedergibt. Eine subtile Selbstkritik, in aller Ruhe verfasst und am besten in ganz viel Ruhe gelesen. Klingt hier etwa die These vom Ende der Kunst an? Mörikes Virtuosität ist nicht expressiv, sie ist mit einer Selbstsicherheit vorfühlend. Schon irgendwie spätromantisch, biedermeierlich, aber nicht verachtenswert.

 

"Sämtliche Gedichte in einem Band" von Eduard Mörike

Buchcover-Abbildung (Insel Verlag)

 

 

 

 

 

 

 

Eduard Mörike: Sämtliche Gedichte in einem Band
Herausgegeben von Bernhard Zeller
Insel Verlag 2001
Leinen, 512 Seiten
ISBN: 978-3-458-17080-8

 

 

 

 

David Westphal. Foto: Volker Derlath

David Westphal. Foto: Volker Derlath

David Westphal, geboren 1989 in München, wo er auch lebt. Studium der Philosophie, Germanistik, Literatur- und Kulturtheorie zu Gießen und Tübingen. Gedichtveröffentlichungen in verschiedenen Anthologien.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Neugelesen« finden Sie hier.

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