Neugelesen – Folge 3: Friedrich Hirschl: »Stilles Theater«

Literatur ist vergänglich, trotz ihrer Materialität. Denn allmählich entschwinden Bücher in Archivbibliotheken und verlassen unseren Erfahrungshorizont. David Westphal möchte in Nachfolge an die Kolumne »Wiedergelesen« dagegen anschreiben. Er stellt an jedem 15. des Monats Vergessenes und Neugelesenes in seiner Rubrik »Neugelesen« vor (in memoriam Erich Jooß, † 2017).

 

Im Gegensatz zu Grassens Gedichten (vgl. Neugelesen – Folge 2) habe ich schon einmal Gedichte von Friedrich Hirschl gelesen. Es handelte sich um den Vorgängerband des stillen Theaters: »Flussliebe«. Darauf aufmerksam bin ich durch eine Kritik in DAS GEDICHT 21 geworden. Anton G. Leit-ner schwärmt einerseits von den überraschenden Verwandlungen, welche die hauptsächlich aus der Natur entnommenen Motive vollziehen. Andererseits ist die »Flussliebe« stellenweise so leise, dass sie beinahe überhört wird.

Auch im stillen Theater sind die Hauptakteure Naturphänomene wie Wind, Wasser, Wälder, Gräser und mehr. Der Mond wird zu einem stillen Beobachter, der Himmel ist bekümmert und weint, der Wind treibt in böser Absicht Wolken vor sich her. Die Bühne ist voller wunderlicher Figuren in Naturgestalt – auch einige Menschen tummeln sich darunter, zum Beispiel »Du« –, aber doch kommt mir Hirschls lyrisches Ensemble bisweilen recht bekannt vor. Der 143-seitige Band bleibt der Flusslinie des Vorgängers treu: keine Sprachexperimente, keine grellbunten Überraschungen. Ein wenig fehlt diesem Theater der Aufruhr. So schön, lieblich und wunderlich viele der Gedichte zweifellos sind, nach einigem Lesen drohen sie für mich als Leser etwas in die Belanglosigkeit abzudriften. Das muss wiederum nicht prinzipiell ein schlechtes Merkmal der Gedichte sein. Auch ein Spazier-gang durch den Wald kann sehr belanglos und undramatisch sein, und mich doch kraftvoll zurück-lassen, erholsam und gedankenvoll sein.

Wovon ich wirklich beeindruckt bin, ist die Vielfalt an Bildern, die, jedes für sich, fantasievoll und häufig genug herzerwärmend sind. Die Natur von Friedrich Hirschls »Stilles Theater« ist eine durch und durch beseelte. Aber manchmal ist es mir einfach zu still in diesem Theater, in dem ein dunkles Wolkenband schon das Höchstmaß an Dramatik markiert.

So verbleibe ich hin- und hergerissen. Mir gefallen Friedrich Hirschls Gedichte insgesamt – aber zu viele davon kann ich persönlich nicht auf einmal lesen. Für all jene, die eine leise Naturlyrik schätzen, welche es vermag, eine beseelte Umwelt in Verse zu bannen, lohnt sich allemal die Lektüre von Friedrich Hirschls neuem Gedichtband »Stilles Theater«. Für all jene, die shakespearesche Tragik lieben und in experimentelle Beckettstücke gehen, wäre der Kauf des Buches vermutlich eher ein Fehlgriff.
 

Friedrich Hirschl
Stilles Theater

lichtung Verlag, Viechtach 2017
Hardcover, 143 Seiten
ISBN 978-3-941306-70-7

P.S.: Wer eine gegenteilige Kritik zur Folge 2 meiner Kolumne Neugelesen zu Günter Grass »Novemberland« lesen möchte, der sollte einmal die erste Ausgabe von DAS GEDICHT aufschlagen. Der Kritiker Anton G. Leitner sieht einiges ähnlich, aber doch unter gänzlich anderen Vorzeichen. Trotzdem sollte Günter Grass nicht fehlen, wenn es um Sonette geht.

 

David Westphal. Foto: Volker Derlath

David Westphal. Foto: Volker Derlath

David Westphal, geboren 1989 in München, wo er auch lebt. Studium der Philosophie, Germanistik, Literatur- und Kulturtheorie zu Gießen und Tübingen. Gedichtveröffentlichungen in verschiedenen Anthologien.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Neugelesen« finden Sie hier.

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