Neugelesen – Folge 4: Wakayama Bokusui: »In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter. Moderne Tanka«

Literatur ist vergänglich, trotz ihrer Materialität. Denn allmählich entschwinden Bücher in Archivbibliotheken und verlassen unseren Erfahrungshorizont. David Westphal möchte in Nachfolge an die Kolumne »Wiedergelesen« dagegen anschreiben. Er stellt an jedem 15. des Monats Vergessenes und Neugelesenes in seiner Rubrik »Neugelesen« vor (in memoriam Erich Jooß, † 2017).

 

Religionen spielen für mein persönliches Glück keine Rolle – und doch freue ich mich über jeden einzelnen Feiertag, den ich freilich sogleich zweckentfremde. Ich wäre durchaus der Typ, der, niemals tanzend, an Karfreitag ein wildes Zappeln abfeiert! Nicht alle Feiertage müssen religiös motiviert sein, das sehe ich ein: der erste Januar zum Beispiel. So froh ich über diesen Feiertag im Speziellen bin, ist er doch nur ein Katertag und kein Feiertag mehr.

Eine Feierlichkeit nach meinem Geschmack ist hingegen das Hanami, auch O-Hanami, oder zu deutsch: das japanische Kirschblütenfest. Das ist nicht etwa eine Art des vorgreifenden Erntedankes ob der Kirschen, denn der japanische Kirschbaum trägt gar keine Früchte; es ist mehr das Begrüßen des Frühlings, die Wertschätzung der erstarkenden Natur und des ewigen Kreislaufes, und nicht zuletzt die unschuldige Freude über das fantastische Schauspiel der wunderschönen Blüten im ganzen Land. Nun, Mitte April, sind wir sozusagen in der Blütezeit des O-Hanami, was für mich der Anlass ist, einen besonders bekannten japanischen Dichter aufzusuchen: Wakayama Bokusui (1885-1928).

»Sehr bekannt«, so heißt es – ich kannte ihn bisher nicht. Perfekt also für eine Folge Neugelesen! Durch Zufall bin ich auf den just erschienenen, von Eduard Klopfenstein neuübersetzten und ausgewählten Querschnitt im Manesse-Verlag gestoßen: »In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter. Moderne Tanka«. Die aufmerksamen Leserinnen und Leser merken schon, dass diese Kolumne vom Zufall lebt. Bokusui hat ausschließlich sogenannte Tankas verfasst. Es ist eine weitere Form der in Japan üblichen Kurzgedichte mit dem Thema Natur bzw. im Fall von Bokusui: das Ich und die Natur. Dieser Band präsentiert die häufig nur in einer Zeile geschriebenen Gedichte als Fünfzeiler. Dies rechtfertigt sich unter anderem dadurch, dass man in Japan von oben nach unten schreibt. Als Übersetzer muss man sich überlegen, wie man dieses für deutsche Leser unbegreifliche Format überträgt. Über die philologischen Fragen hinweg, die Klopfenstein in seinem informativen Nachwort zu Biographie und Editionsgeschichte ohnehin besser ausführt, als ich es mit meiner Unkenntnis über Land, Kultur und Dichtung vollbringen könnte, möchte ich über die Gedichte selbst sprechen.

Wie bereits angedeutet, sind Bokusuis Tankas Naturgedichte. Doch schon zeihen mich meine eigenen Kategorien der Lüge. In einem Prozess der Anarchisten-Partei soll, so das Tanka, der zum Tode Verurteilte aus der Tanka Sammlung »Abschied« des Dichters selbst gelesen haben. Ein Gedicht über einen Leser. Politisch ohne konkret zu sein. Einbindend, ohne festgelegt zu sein. Ich bin sofort beeindruckt. Diese kraftvolle Weise im Umgang mit allem, was dem Dichter auf seinen vielen Reisen und Wanderungen begegnet, ist die Tonika der Tankas. Ja, es sind kleine, wundervolle Kraftpakete, die der Ambiguität ihrer Motive volle Rechnung tragen – in gerade einmal fünf Zeilen. Manchmal ist weniger mehr. So wie mich das erste, verwehende Blütenblatt einer Kirsche, das an mir vorüberzieht, die Melancholie des Vergehens spüren lässt: das ganze Spiel des Lebens in ein Blütenblatt gefasst. Berauschend.

Natürlich ist nicht jedes einzelne Tanka von Bokusui eines dieser ersten Blütenblätter. Manche ziehen auch sehr unbemerkt im Fluss des Lesens an einem vorüber. Aber noch etwas haben Bokusuis Tankas mit Kirschblüten gemein: es sind tausende! Das Gesamtwerk des Dichters umfasst eine unglaubliche Fülle, weshalb Klopfensteins Engagement im Manesse-Verlag ein großer Beitrag für die Lyrikwelt ist, die damit die Chance erhält, einen neuen und komprimierten Blick auf ein erfülltes Dichterleben zu werfen. Wahrlich komplettiert wird der Band nicht nur durch das Nachwort, sondern auch durch die Angabe weiterführender und verwendeter Literatur, falls jemand ins Tankafieber verfällt. Auch optisch greift der Band das Schlichte, aber Umwerfende der Gedichte auf: eine Tuschzeichnung des erhabenen Vulkans Fuji thront auf der Buchvorderseite. Über den Titel bin ich zwar einigermaßen unzufrieden, er klingt mir zu sehr nach einem Wetterbericht, aber das sollte hoffentlich niemanden davon abhalten, sich intensiv mit diesem Werk zu beschäftigen.

Es mag sicher etwas auszusetzen geben für Japanischkönner und Bokusuikenner, für Tankaenthusiastinnen und Kalligraphieexpertinnen. Ich aber bin vollends zufrieden und sehr froh darüber, dass sich Manesse-Verlag und Eduard Klopfenstein die Mühe gemacht haben, Bokusui aus den Archiven ins geballte Leben zu bringen. Zeit, sich mit ihm unter einen Kirschbaum zu setzen und sich über die beseelte Natur Gedanken zu machen, bald ist auch hierzulande die Zeit für ein kleines Kirschblütenfest.
 

Wakayama Bokusui
In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter

Moderne Tanka
Manesse, München 2018
Hardcover, 144 Seiten
ISBN 978-3-7175-2452-6

 

David Westphal. Foto: Volker Derlath

David Westphal. Foto: Volker Derlath

David Westphal, geboren 1989 in München, wo er auch lebt. Studium der Philosophie, Germanistik, Literatur- und Kulturtheorie zu Gießen und Tübingen. Gedichtveröffentlichungen in verschiedenen Anthologien.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Neugelesen« finden Sie hier.

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