Poesie mit aufgekrempelten Ärmeln: »Haus und Hof, Sachen, Leute« – der neue Gedichtband von Anna Breitenbach

rezensiert von Hellmuth Opitz

Wenn ein gewisses Konvolut von Gedichten erst einmal verfasst ist und hoffnungsfroh auf einen möglichen Band zusteuert, macht sich der Poet bzw. die Poetin erste Gedanken bezüglich eines möglichen Titels. Dann stellt er bzw. sie erstaunt fest, wie formal und thematisch divergierend die Gedichte eigentlich sind. Wie bekommt man sie bloß unter das aus zwei Buchdeckeln geformte Dach des Bandes und was schreibt man außen drauf? Der Titel sollte möglicht poetisch sein, aber auch sprechend im Hinblick auf den Inhalt. Spätestens dann beginnt die Phase des Komponierens. In welche Kapitel lassen sich die auseinanderstrebenden Poeme fassen? Welche Reihenfolge haben die Kapitel? Und wie, verflucht noch mal, kann der Titel denn nun lauten? Das sind Kompositionsprobleme, die es mit den kleinteiligen Überlegungen beim Schreiben eines Gedichtes mühelos aufnehmen können. Es soll Autoren geben, die aus lauter Verzweiflung angesichts heterogener Gedichte einfach frech die Kapitelüberschrift »Geschlossene Abteilung« gewählt haben, um die wie Mikadostäbe herumliegenden Poeme wenigstens formal zu bändigen. Eine Dreistigkeit, deren sich zum Beispiel der Verfasser dieser Zeilen schuldig gemacht hat.

Und wie löst Anna Breitenbach das Problem? Sie nennt ihren Gedichtband einfach »Haus und Hof, Sachen, Leute.« Da muss man erst mal drauf kommen. Kein krampfhaftes Vermeiden von Aufzählungen, einfach sagen, was Sache ist. Und poetischen Wallungswert hat der Titel, so lapidar er klingt, obendrein, vermittelt er doch die lässige Beiläufigkeit des Lebenspraktischen. Dieser Eindruck wird durch den Untertitel verstärkt: »Brauchbare Gedichte« heißt es dort selbstbewusst und das spiegelt das poetologische Selbstverständnis der Esslinger Dichterin Anna Breitenbach wider. Es sind scheinbar einfache Gedichte, die so gar nichts gemein haben mit den akademischen Gebilden mancher Filigranpoeten, die oft eine mürbe Aura verbreiten wie zwischen Buchseiten gepresste Trockenblumen. Nicht dass Anna Breitenbach keinen Blick hätte für Natur oder Pflanzen, doch der Dialog mit dem poetischen Gegenstand ist viel unmittelbarer:
 

Leute im März

Was feldwärts so alles vorkommt
und sich zeigt und anstrengt in
alle Richtungen!

Ich habe sie gefragt, wie sie heißen,
die einen geben ganz gern Auskunft,
sind gesprächig,

die anderen so mit dem Wachsen
und Weiterkommen beschäftigt,
dass sie kaum hochschauen

und also weiter Pflanzen bleiben.
 

Verblüffend, diese Wendung. Wie die Autorin konsequent die Personalisierung von natürlichen Vorgängen im Frühling vorantreibt, sodass man als Leser momentlang tatsächlich glaubt, Passanten zu begegnen und dann dieser profanen Rezeption mit dem letzten Vers den Teppich unter den Füßen wegzieht, das hat veritable Überraschungseffekte. Was ich besonders mag, ist die Konsequenz, mit der Anna Breitenbach in einer Bildwelt verharren kann, weil sie weiß, dass sich das lohnt. Auch dadurch unterscheidet sie sich von vielen zeitgenössischen Lyrikern, die jedes Gedicht in maximalem Anspielungsreichtum ersticken und jede Bildwelt nur kurz anreißen, ehe sich auch nur einen Moment lang ein zugänglicher Weg für den Leser eröffnen könnte. So bleibt nur der Eindruck von fraktaler Wahrnehmung und Sprachtrümmern, die sich bewusst jeglicher Stringenz entziehen. Das poetische Mittel der Allegorie ist für diese Sprachbastler vermutlich Teufelswerk, von dem man tunlichst die Finger lassen sollte. Ein anderes Beispiel für das lohnende Verharren in einer einmal eröffneten Bildwelt ist das Gedicht »Fadenlauf, Spannung«, das »Nähe« und »Nähen« auf faszinierende Weise verbindet: »Du bist mein Unterfaden/ ich bin dein Oberfaden«, so beginnt das Gedicht und spinnt das Bild weiter fort: »du hältst mich im Lauf, ich/ heb dich auf – / du lässt mich laufen/ ich lass dich nicht fallen – / gibst du mir Raum, zieh/ ich dich kaum – halt mich!/ und nicht zu fest, halt ich/ dich.//« Treffender kann man den Willen, sich in einer Beziehung – oder in diesem Falle: Verstrickung – gegenseitig die Freiheit zu lassen, kaum ins Bild setzen.

Genau so lebensnah und praktisch wie Titel und Untertitel ist auch die robuste Aufteilung des Bandes in 12 Kapitel, die vorzugsweise mit alliterierenden Überschriften wie »Leute und Lebewesen«, »Sachen und Sammlung«, »Schönheit und Schatten« daherkommen. Diese Kapitel sind wie Geländer für den Leser: Sie schaffen Orientierung und Halt zugleich. Im Kapitel »Ego und Eigenheit« findet sich das folgende feinsinnige Gedicht, in dem sich Anna Breitenbach im Stile einer Mannschaftsaufstellung innerhalb des Lyrikbetriebs verortet.
 

Mittelfeld

Ich spiele
im Mittelfeld
wenn mich wer
fragen würde
wo ich spiele
würde ich sagen
Mittelfeld
und nur für mich
noch dazu:
eigentlich Sturm.
 

Bleibt man in der Fußball-Logik dieses Gedichts, das ja eigentlich auf ein Bedeutungsranking innerhalb der zeitgenössischen Lyrikszene anspielt, könnte man durchaus einwerfen, dass oft im Mittelfeld der Regisseur eines Teams beheimatet ist, der dort die Fäden zieht. Bejubelt wird natürlich meist der Stürmer, der die Chancen verwandelt, der »ihn reinmacht«, wie man so schön sagt. Überträgt man dieses Bild auf die Hierarchie der gegenwärtigen Lyriklandschaft, wo sich eine selbsternannte, vor allem in Berlin beheimatete Lyrikavantgarde ganz oben wähnt und immer etwas herablassend auf die »Mittelklasse« schaut, könnte man das Gedicht auch als poetologische Selbsteinschätzung deuten. Man könnte Anna Breitenbach zurufen: Was sich dort »oben« alles drängt, wer sich dort alles als »Spitze« betrachtet – da ist Mittelfeld gleichsam eine Adelsbezeichnung. Obwohl: Anna Breitenbach hat tröstende Zurufe gar nicht nötig, wie der souveräne, selbstbewusste Schlussvers zeigt.

Die Gedichte in diesem Band sind zumeist kurz, manche nur drei, vier Verse lang, da liegt oft die Gefahr nahe, aphoristisch zu werden und sich in die Nähe von Kalendersprüchen zu begeben. Diese Gefahren umgeht die Poetin weiträumig, es gibt nur ganz wenige Ausrutscher wie z.B. das Gedicht »Wissensgebiete«, wo es heißt: »Sie will von ihm/ nichts mehr wissen./ Er will von ihr/ nichts mehr wissen./ Sie wissen es schon/ länger, jeder für sich.//« So aufregend sind die Bedeutungsfacetten des Wortes »Wissen« nun auch wieder nicht, als dass sich ein zusätzlicher Erkenntnisgewinn einstellen würde. Aber Profanitäten dieser Art sind die absolute Ausnahme. Das Wohltuende an diesem Gedichtband ist: Anna Breitenbach schreibt Gedichte, die die Ärmel hochkrempeln, die anpacken. Aber das nicht nur im praktischen Sinn. Sie packen auch den Leser an, sie berühren, denn unter der ostentativen Robustheit offenbart sich ein sehr feines Gespür für Wahrnehmungen, ein Sensorium, das neue bereichernde Entdeckungen ermöglicht – ein Verstehen 2.0 sozusagen – und zugleich eine glückliche Verbindung von Lebensklugheit und Poesie darstellt.

Anna Breitenbach: Haus und Hof, Sachen, LeuteAnna Breitenbach
Haus und Hof, Sachen, Leute

Brauchbare Gedichte
Klöpfer & Meyer, Tübingen 2016
Hardcover, 180 S.
€ 18,- (D)

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Anna Breitenbach liest im Rahmen der Buchpremiere von DAS GEDICHT Bd. 24 am 27.10.2016 im Literaturhaus München

Hellmuth Opitz (Foto: Isabel Opitz)

Hellmuth Opitz (Foto: Isabel Opitz)

Hellmuth Opitz wurde 1959 in Bielefeld geboren, wo er auch heute lebt. Er gilt inzwischen als einer der besten deutschen Liebeslyriker. Nach seinen Anfängen als Rock- und Folkmusiker interviewte er für überregionale Musik-Magazine wie »Musikexpress« oder »Rolling Stone« u. a. Aerosmith, Bad Religion und Wim Wenders. Zusammen mit Matthias Politycki und Steffen Jacobs tourte er mit dem Poesieprogramm »Frauen. Naja. Schwierig«, das auch auf CD vorliegt, durch Deutschland. Bislang erschienen von ihm neun Gedichtbände, zuletzt »Die Dunkelheit knistert wie Kandis« (2011) sowie »Aufgegebene Plätze. Verlorene Posten« (Künstlerbuch, 2013).

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