Fremdgehen, jung bleiben – Folge 25: Jan-Eike Hornauer

Poesie ist nicht nur Wort. Poesie ist Leben, das sich ständig erneuern muss. Doch was heute noch neu und fremdartig erscheint, gehört morgen schon zum Altbewährten. Junge Lyrik beschreibt den Raum dazwischen. Deshalb wagt Stefanie Lux in Nachfolge von Leander Beil an jedem 8. des Monats in der Kolumne »Fremdgehen, jung bleiben« einen freien Blick auf das kulturell und sprachlich Andere, das vermeintlich Fremde in der noch jungen Textwelt.

 

Die Schwarze Galle, auf Altgriechisch Melancholia, entspringt der antiken Humoralpatholgie, die Vier-Säfte-Lehre, welche bis zur Neuzeit menschliche Leiden und Krankheiten erklärte. Die Körper-Säfte und deren Mischung bestimmten demnach den menschlichen Gesundheitszustand. Eine Neigung zum Trübsinn, zur Traurigkeit und Schwermut wurde mit der in der Milz produzierten Schwarzen Galle in Verbindung gebracht.

Seit der Antike zieht sich eine Melancholia-Rezeption durch alle Formen der Kunst, deren Verständnis auch durch den berühmten Kupferstich Albrecht Dürers »Melencolia I« geprägt wurde: verrätselt, verschlossen und doch den Betrachter sofort berührend. Dürer greift in seinem Werk die Verschränkung des Begriffs der schwarzen Galle mit der Astrologie auf. Ein Komet, der im Hintergrund des Bildes erstrahlt. Einerseits wunderschön, trifft er jedoch auf die Erde, wird er alles zerstören. Schönheit und Destruktion stecken gleichermaßen im Begriff der Melancholia und zeigen seine Ambiguität. Eine eindeutige Interpretation lässt das Werk ebenso wenig zu, wie eine Bestimmung des Begriffs selbst.

Eine moderne Verarbeitung des Stoffes findet sich in Lars von Triers Film »Melancholia«, der sich stark an Dürers Stich orientiert. Auch bei ihm taucht das Motiv des Kometen wieder auf, er verflechtet es mit einer Erzählung über Depression. Melancholia ist hier wieder mehrdeutig: als Untergang der Welt durch den Kometeneinschlag und als die Depression der Protagonistin.

Von Thomas Mann, über Jean-Paul Sartre, hin zu Paul Celan; auch die Literatur ist seit jeher von der Schwarzen Galle benetzt. Es gibt keine Erlösung von der Melancholia, sie zieht sich als Grundkonstante durch die Menschheitsgeschichte. Dieser Tradition gibt sich auch Jan-Eike Hornauer in seinem Gedicht »Grundkonstante« hin.
 

Grundkonstante
mit doppeltem Gesicht

Melancholia, nur Du bist am Ende die Welt,
illusionistisch, dass sonst da noch etwas besteht.
Nichts ist ansonsten, was nicht beim Betrachten zerfällt,
nichts außer Dir, die niemals und niemals vergeht.

Viel mag man reden und mehr mag man gar auch noch tun,
Du bleibst schlussendlich und lässt einen sicher allein,
lässt einen sterben und tröstend in Dir dabei ruh’n.
Du nur bestimmst – selbst im Fall des Verdrängens – das Sein.

Geißel der Menschheit, das bist Du und bist es auch nicht.
Du hältst ja schließlich so alles ganz einzig beisammen.
Nichts, was da ohne Dich heiligen Fluch nicht zerbricht.
Und es kann alles, was ist, auch Dir nur entstammen.

 
© Jan-Eike Hornauer, München

 
Jan-Eike Hornauer, geboren 1979, ist leidenschaftlicher Textzüchter (freier Lektor, Texter, Autor, Herausgeber) und wohnt in München. In Lübeck in die Welt geworfen, aufgewachsen in Hausen bei Aschaffenburg, Studium der Germanistik und Soziologie in Würzburg. Jüngster Solo-Band: »Das Objekt ist beschädigt. Zumeist komische Gedichte aus einer brüchigen Welt« (muc Verlag 2016).
Er ist zweiter Vorsitzender des Münchner Künstlervereins REALTRAUM, freier Redakteur bei DAS GEDICHT blog, dort v. a. Herausgabe von Online-Lyrikreihen (u. a. »Gedichte mit Tradition«, seit 2015). Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien, u. a. Das Gedicht, Versnetze, Poesiealbum neu, Poesie Agenda, etcetera, Dichtungsring, Schreibkräfte. Zweifelsohne ist er einer der größten Literaten Deutschlands (exakt zwei Meter Körperlänge).
 

Jan Eike Hornauer: Das Objekt ist beschädigtJan-Eike Hornauer
Das Objekt ist beschädigt

Zumeist komische Gedichte aus einer brüchigen Welt
muc Verlag, München 2016
Hardcover, 108 Seiten

 

Stefanie Lux. Foto: privat

Stefanie Lux. Foto: privat

Stefanie Lux, geboren 1987 in Kaufbeuren, Studium der Germanistik, Politikwissenschaften, Geschichte, Literatur- und Kulturtheorie in Gießen und Tübingen, lebt in München.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Fremdgehen, jung bleiben« finden Sie hier.

Ein Kommentar

  • christian engelken

    Gefällt mir gut. Es gibt viele Gründe, das ahistorisch-neuweltliche positive Denken durch das uralte christlich-dialektische Denken wieder zu ersetzen und die Welt als Dualismus zu begreifen, was sich in der Musik seit jeher als Dur und moll widerspiegelt.

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