Im babylonischen Süden der Lyrik – Folge 38: »›LAS OBSESIONES DEL LENGUAJE‹ – ›DIE OBSESSIONEN DER SPRACHE‹: ZUM 93. GEBURTSTAG VON ROBERTO JUARROZ AM 5. OKTOBER 2018«

Tobias Burghardt flaniert jeweils am 5. eines Monats auf DAS GEDICHT blog durch die südlichen Gefilde der Weltpoesie. In der Rubrik »Im babylonischen Süden der Lyrik« werden Sprachgemarkungen überschritten und aktuelle Räume der poetischen Peripherien, die innovative Mittelpunkte bilden, vorgestellt.

 

»Gedichte? Meditationen?
Mein Buch für die einsame Insel –
und wenn ich alle Bände mitnehmen dürfte,
müsste ich auch nicht mehr gerettet werden…«
Gemma Priess

 

Zum südlichen Frühling vor 93 Jahren wurde der argentinische Dichter und Denker Roberto Juarroz am 5. Oktober 1925 in Coronel Dorrego (Provinz Bahía Blanca, Argentinien) geboren, siehe auch »Im babylonischen Süden der Lyrik« Folge 2, Folge 15 und Folge 29.

 

Roberto Juarroz

OCTAVA POESÍA VERTICAL (32)

La vida tiene una música de fondo.
Nadie sabe reconocer su origen,
pero a veces nos parece recordar su melodía.

Quizá con eso basta
para no sentirnos completamente extraños,
a pesar de que todas las músicas se eclipsen
como soles impotentes
en los tráfagos subrepticios
de los espacios sin sonido.

Aunque casi ni vivamos,
la música de fondo de la vida
nos permite por lo menos
escuchar el vivir.

 

Roberto Juarroz

ACHTE VERTIKALE POESIE (32)

Das Leben hat eine Musik im Hintergrund.
Niemand kann ihren Ursprung erkennen,
aber manchmal erinnern wir scheinbar ihre Melodie.

Vielleicht reicht es damit,
um uns nicht völlig fremd zu fühlen,
obwohl sich alle Musiken überlappen
wie machtlose Sonnen
in den tückischen Betriebsamkeiten
der klanglosen Räume.

Obschon wir fast nicht leben,
erlaubt uns die Musik im Hintergrund
des Lebens zumindest,
das Lebendigsein zu hören.

Übertragen von Juana & Tobias Burghardt

 

Im Rahmen der Stuttgarter Jurroz-Werkausgabe sind jetzt seine zweisprachigen Einzeltitel »Octava poesía vertical – Achte vertikale Poesie« (Band 5) und »Novena poesía vertical – Neunte vertikale Poesie« (Band 6) erschienen, womit bereits mehr als die Hälfte seines poetischen Gesamtwerkes auf Deutsch vorliegt.

 

Roberto Juarroz

NOVENA POESÍA VERTICAL (13)

Las obsesiones del lenguaje,
como todas las obsesiones,
nos visitan de noche.
A veces, despiertos,
pero casi siempre dormidos.

Entonces desaprendemos
lo que parece que sabemos
e inauguramos
lo que parece que ignoramos.

Por eso
los poemas se escriben de noche,
aunque a veces se disfracen de luz.
O si se escriben de día,
convierten el día en noche.

 

Roberto Juarroz

NEUNTE VERTIKALE POESIE (13)

Die Obsessionen der Sprache,
wie alle Obsessionen,
besuchen uns nachts.
Manchmal wach,
aber fast immer im Schlaf.

Dann verlernen wir,
was wir scheinbar wissen,
und eröffnen,
was wir scheinbar verkennen.

Deshalb
werden Gedichte nachts geschrieben,
obwohl sie sich manchmal als Licht verkleiden.
Oder wenn sie tagsüber geschrieben werden,
verwandeln sie den Tag in Nacht.

Übertragen von Juana & Tobias Burghardt

 

Seit Herbst 2014 erscheint die zweisprachige Stuttgarter Juarroz-Werkausgabe und geht Gedicht für Gedicht, Schritt für Schritt, Buch für Buch durch sein poetisches Schaffen, bis das dritte poetische Gesamtwerk eines argentinischen Dichters – neben Antonio Porchia und Jorge Luis Borges – hier vollständig vorliegt.

Roberto Juarroz, Achte Vertikale Poesie

© Edition Delta

 

 

 

 

 

 

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Roberto Juarroz, Neunte Vertikale Poesie

© Edition Delta

 

 

 

 

 

 

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Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt (Jahrgang 1961) ist Lyriker, Übersetzer und Verleger der Stuttgarter Edition Delta (www.edition-delta.de). Er veröffentlichte mehrere Lyrikbände, darunter seine Fluss-Trilogie sowie »Septembererde & August-Alphabet«. Im Februar erschien seine Werkauswahl »Mitlesebuch 117« (Aphaia Verlag, Berlin/München 2018). Seine Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und Einzeltitel erschienen in Argentinien, im Irak, in Japan, Portugal, Serbien, Schweden und Venezuela. Er ist Mitbegründer und Koordinator des »Babylon Festivals für Internationale Kulturen & Künste«, das seit 2012 jährlich in Babylon und Bagdad stattfindet. Mit seiner Frau Juana Burghardt überträgt er lateinamerikanische Lyrik, katalanische Poesie, lusophone Lyrik und spanische Poesie. Sie sind Herausgeber und Übersetzer der Werkreihe von Miquel Martí i Pol, aus der Pep Guardiola im Sommer 2015 im Literaturhaus München las, und seit Herbst 2014 der Stuttgarter Juarroz-Werkausgabe, dem wir das GEDICHT-Motto »Ein Gedicht rettet einen Tag« (Roberto Juarroz) verdanken. Im Frühjahr 2017 wurden beide für ihr jeweiliges poetisches Werk und ihr gemeinsames literarisches Engagement zwischen den Kulturen und Sprachen mit dem Internationalen KATHAK-Literaturpreis in der südasiatischen Metropole Dhaka, Bangladesch, ausgezeichnet. Tobias Burghardt war GEDICHT-Redakteur der ersten Stunde und organisierte immer wieder wunderbare Sonderteile mit lateinamerikanischer Poesie für unsere Zeitschrift DAS GEDICHT.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Im babylonischen Süden der Lyrik« finden Sie hier.

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