Im babylonischen Süden der Lyrik – FOLGE 52: »DER ›LITERATURNOBELPREIS‹ DES SPANISCHSPRACHIGEN RAUMS GEHT MIT DEM CERVANTES-PREIS 2019 AN DEN ZWEISPRACHIGEN DICHTER JOAN MARGARIT«

Tobias Burghardt flaniert jeweils am 5. eines Monats auf DAS GEDICHT blog durch die südlichen Gefilde der Weltpoesie. In der Rubrik »Im babylonischen Süden der Lyrik« werden Sprachgemarkungen überschritten und aktuelle Räume der poetischen Peripherien, die innovative Mittelpunkte bilden, vorgestellt.

 

Der zweisprachige Dichter Joan Margarit wird mit dem hochdotierten Cervantes-Preis 2019, der auch als »Literaturnobelpreis der spanischsprachigen Welt« gilt, ausgezeichnet. Die Preisverleihung wird traditionsgemäß am 23. April im Folgejahr (also: 2020) in Alcalá de Henares, dem Geburtsort von Miguel de Cervantes Saavedra (1547-1616) stattfinden. Zur Liste der bislang fünfundvierzig Cervantes-Preisträger gehören u.a. Juan Gelman, José Emilio Pacheco, Jorge Luis Borges und Ida Vitale, siehe auch »Im babylonischen Süden der Lyrik« Folge 39 und Folge 40.

Dichter Joan Margarit

Der zweisprachige Dichter Joan Margarit (Foto: Tobias Burghardt, Stuttgart)

Joan Margarit schreibt sowohl auf Spanisch als auch auf Katalanisch. Er gehört zu den zweisprachigen Dichtern, die beim Schreiben zwischen zwei Sprachen einen weiteren Sprachraum betreten, der in sich inspirierend, erneuernd und schöpferisch sein kann. Dabei überschreitet er die jeweiligen einzelsprachlichen Grenzlinien und fügt neue Blick-, Klang- und Rhythmusbereiche hinzu, manchmalig Schnittmengen oder gekreuzte Zugaben sowie präzise Zugewinnungen. Die Cervantes-Jury würdigte das zweisprachige Werkschaffen des Dichters Joan Margarit und hob darin die »tiefe Transparenz und eine brillante, stets innovative Sprache« hervor, die »sowohl die spanische Sprache als auch die katalanische Sprache bereichert hat«.

 

Handschrift von Joan Margarit

Handschrift von Joan Margarit (Foto: Delta-Archiv, Stuttgart)

 

Der spanisch-katalanische Dichter José Agustín Goytisolo beschrieb einmal seine europäische Kategorie: »Joan Margarit ist ein Dichter, der ebensogut auf Italienisch, Französisch, Englisch, Portugiesisch oder Spanisch schreiben könnte, und seine Qualität wäre immer sehr hoch… Er ist einer meiner Lieblingsdichter.«

 

Joan Margarit
LLUNA DE BEIRUT

Al Tomás Alcoverro

El meu amic corresponsal de premsa
s’ha fet vell sota l’ombra de les guerres
en aquesta negror de llum fenícia.
Una càlida nit, amb la boirina
velant la vella i rovellada falç,
va passejant per la Corniche i mira
el tremolós mantell brodat amb llums
de la ciutat cristiana a l’horitzó.
Les famílies àrabs en cadires
que han dut fins al costat de la barana,
parlen, mengen i riuen
al voltant de les canyes de pescar.
Fa olor de claveguera, de fregits,
de llessamí, de mar i de suor.
De tant en tant hi ha un cotxe abonyegat
amb les portes obertes i la ràdio
a tot volum i uns joves rosegant
les panotxes cremant de blat de moro
cuites en els vells carros ambulants
envoltats d’un fum d’or calent i espès.
Va passejant per la Corniche i enyora
aquells motius de quan manava el cos,
per damunt sempre de la saviesa.
Una figura negra, com sortida
d’un conte d’arcs de ferradura i llunes,
du en una mà l’enorme cafetera
i amb l’altra fa sonar les dues tasses
de porcellana igual que castanyoles.
La venedora de cafè ha arribat
de les mil i una nits càlides, fosques,
on els murs metrallats de la ciutat
mostren els seus forats com boques negres.
Pel meu amic tot és familiar:
va passejant per la Corniche i pensa
de què fugia i què ha trobat aquí,
vora el clot perillós deixat per una abstracta
fantasia brutal, monoteista.
La vida continua rosegant
restes de mort, com les excavadores
roseguen amb les dents el vell Beirut
com els nois les panotxes, amb la música
de moda vora el mar més vell del món.

 

Joan Margarit
MOND ÜBER BEIRUT

Für Tomás Alcoverro

Mein Freund, der Auslandskorrespondent,
wurde im Schatten der Kriege alt,
im tiefschwarzen Licht Phöniziens.
In einer lauen Nacht behütet der Nebel
die alte und rostige Sichel,
und er schlendert die Corniche entlang und sieht
am Horizont das flatternde Tischtuch,
bestickt mit den Lichtern der christlichen Stadt.
Die arabischen Familien auf den Stühlen,
die sie neben die Ufermauer gestellt haben,
unterhalten sich, speisen und lachen,
von Angelruten umgeben.
Es riecht nach Kloake, Frittiertem,
Jasmin, Meer und Schweiß.
Hin und wieder fährt ein verbeultes Auto
mit offenen Türen vorbei, das Radio
ist voll aufgedreht, Jugendliche nagen
an Maiskolben, geröstet
auf den alten Karren der Straßenhändler,
die in heiße, goldene Rauchschwaden eingehüllt sind.
Er flaniert auf der Corniche und sehnt sich
nach den Anlässen jener Zeit, als der Körper
immer noch mächtiger als die Vernunft war.
Wie aus einem Märchen über Eisenbögen und
Monde entsprungen, trägt eine schwarze Gestalt
in einer Hand die Kaffeekanne
und lässt in der anderen zwei Porzellantassen
wie Kastagnetten klappern.
Die Kaffeeverkäuferin stammt
aus tausend und einer Nacht, lau und dunkel,
in der die beschossenen Stadtmauern
ihre Löcher wie schwarze Münder zeigen.
Meinem Freund ist das alles vertraut:
er flaniert auf der Corniche und überlegt sich,
wovor er floh und was er hier gefunden hat,
beim gefährlichen Graben, den eine abstrakte
und brutale Einbildung des Monotheismus hinterließ.
Das Leben nagt
an den Überresten des Todes weiter, wie die Schaufelbagger
mit ihren Zähnen am alten Beirut nagen
oder die Kinder an den Maiskolben bei der Musik,
die gerade in Mode ist, neben dem ältesten Meer der Welt.

 

© Joan Margarit
Aus dem Katalanischen übertragen von Juana & Tobias Burghardt

 

¡Enhorabuena, querido Joan!

 

Buchcover »Joana und andere Gedichte« von Joan Margarit

Buchcover-Abbildung (Edition Delta)

 

 

 

 

 

 

 

»Joana und andere Gedichte« von Joan Margarit bei Edition Delta

 

 

 

Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt (Jahrgang 1961) ist Lyriker, Übersetzer und Verleger der Stuttgarter Edition Delta (www.edition-delta.de). Er veröffentlichte mehrere Lyrikbände, darunter seine Fluss-Trilogie sowie »Septembererde & August-Alphabet«. Zuletzt erschien seine Werkauswahl »Mitlesebuch 117« (Aphaia Verlag, Berlin/München 2018) und sein aktueller Gedichtband »Die Elemente der See«. Seine Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und Einzeltitel erschienen in Argentinien, im Irak, in Japan, Kolumbien, Portugal, Serbien, Schweden, Uruguay und Venezuela. Er ist Mitbegründer und Koordinator des »Babylon Festivals für Internationale Kulturen & Künste«, das seit 2012 jährlich in Babylon und Bagdad stattfindet. Mit seiner Frau Juana Burghardt überträgt er lateinamerikanische Lyrik, katalanische Poesie, lusophone Lyrik und spanische Poesie. Sie sind Herausgeber und Übersetzer der Werkreihe von Miquel Martí i Pol, aus der Pep Guardiola im Sommer 2015 im Literaturhaus München las, und seit Herbst 2014 der Stuttgarter Juarroz-Werkausgabe, dem wir das GEDICHT-Motto »Ein Gedicht rettet einen Tag« (Roberto Juarroz) verdanken. Im Frühjahr 2017 wurden beide für ihr jeweiliges poetisches Werk und ihr gemeinsames literarisches Engagement zwischen den Kulturen und Sprachen mit dem Internationalen KATHAK-Literaturpreis in der südasiatischen Metropole Dhaka, Bangladesch, ausgezeichnet. Tobias Burghardt war GEDICHT-Redakteur der ersten Stunde und organisierte immer wieder wunderbare Sonderteile mit lateinamerikanischer Poesie für unsere Zeitschrift DAS GEDICHT.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Im babylonischen Süden der Lyrik« finden Sie hier.

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