Im babylonischen Süden der Lyrik – FOLGE 62: »PANDEMIEPOESIE BEIM ›3. INTERNATIONELL POESIFESTIVAL I JÖNKÖPING (SVERIGE) 2020‹ – UNDERBAR & EXEMPLARISK«

Tobias Burghardt flaniert jeweils am 5. eines Monats auf DAS GEDICHT blog durch die südlichen Gefilde der Weltpoesie. In der Rubrik »Im babylonischen Süden der Lyrik« werden Sprachgemarkungen überschritten und aktuelle Räume der poetischen Peripherien, die innovative Mittelpunkte bilden, vorgestellt.

 

Festivalplakat Jönköping 2020

Festivalplakat Jönköping 2020, alle Fotos & Facebook-Videos: Internationell Poesifestival i Jönköping, Sverige

Zum Ende der ersten Septemberhälfte hin fand das wunderbare und beispielhafte »3. Internationale Poesiefestival in Jönköping (Schweden) 2020« unter Pandemiebedingungen an drei Wochentagen konkret statt. Einerseits verlangte dies von den neun teilnehmenden Dichter*innen ein gewisses Maß an Flexibilität bei der An- und Abreise wegen Flugannulierungen, Umbuchungen und/oder Umstiegsverzögerungen, andererseits war – gemäß schwedischen Vorgaben – lediglich eine maximale Publikumszahl von 40 Personen bei Innenraumveranstaltungen zugelassen. Letzteres konnte indes wettgemacht werden durch paralleles Online-Streaming.

Anfang der zweiten Septemberwoche reiste ich über Kopenhagen an, vermummt noch wie jede(r)le. Mit der Metro überquerte ich dann die Öresundbrücke Richtung Malmö. An der Grenzstation Hyllie stieg ein chilenischer Papa mit seiner kleinen Tochter unvermummt hinzu, den ich gleich freundlich fragte, warum? Seine Antwort gab mir sofort einen Vorgeschmack auf das, was mich für eine Woche erwartete: »In Schweden brauchen wir das nicht!« Anfangs fühlte es sich irgendwie unwirklich an wie in einer fiktiven Filmszene.

In Malmö besuchte ich zuerst den bejahrten, stets fidelen schwedischen Dichter und Übersetzer Lasse Söderberg, siehe auch »Im babylonischen Süden der Lyrik« Folge 12, und Folge 44.

Der schwedische Dichter Bengt Berg am Hovrättstorget in Jönköping

Der schwedische Dichter Bengt Berg am Hovrättstorget in Jönköping

Von dort ging es am Donnerstag mit dem pünktlichen Zug – weiterhin maskenlos – nach Jönköping zum Festivalauftakt am Nachmittag in der »Stadsbiblioteket«, neben der eine Poesiegasse im Freien mit allen neun Dichter*innenporträts geschmückt worden ist, die eigens für das Festival vom kolumbianischen Künstler und Karikaturisten Jorge Restrepo H. in Tulúa gemalt wurden. Am Büchertisch lag die kostenlose Festivalanthologie zum Mitnehmen bereit. Ich las in der Jönköpinger Stadtbibliothek nach der rumänisch-spanischen Lyrikerin und Übersetzerin Corina Oproae, der syrischen Poetin Maram Al-Masri, und dem schwedischen Dichter Bengt Berg.

 

Poesiegasse mit Porträts zum Festival in Jönköping 2020

Poesiegasse mit Porträts zum Festival in Jönköping 2020

 

Die kolumbianische Dichterin Ángela García bei der Pilsenpoesielesung

Die kolumbianische Dichterin Ángela García bei der Pilsenpoesielesung

Am nächsten Morgen schwärmten die neun teilnehmenden Dichter*innen in diverse Schulen und Seminare aus, darunter auch »Folkhögskolan« als zweiter Bildungsweg für schwedische und eingewanderte Jugendliche bis 25 Jahre, wo erste kollektive multilinguale und interkulturelle Gedichte in Jönköping von den Studierenden in den Poesiewerkstätten geschrieben wurden. Am frühen Nachmittag gab es eine bemerkenswerte Begegnung zwischen den Künsten, als Tanz, Malerei und Poesie miteinander verschmolzen. Auf dem Festivalprogramm standen zudem noch drei Buchpräsentationen schwedischer Übersetzungen von ausgewählten Lyrikbänden des neuseeländischen Dichters Ron Ridell, der im vergangenen Jahr am Jönköpinger Festival teilgenommen hatte, der kubanischen Poetin und Kinderärztin Vivian Lemes, und der ebenfalls aus Katalonien angereisten Lyrikerin Corina Oproae. Im Anschluss daran lasen zur »Pilsenpoesi« die schwedische Dichterin und Übersetzerin Ulla Gabrielsson, der argentinische Poet und Übersetzer Carlos Vitale, der kurdisch-syrische Autor Ceger Hillo und die kolumbianische Lyrikerin und Übersetzerin Ángela García plus »Open Mic« und lateinamerikanischer Musik.

Ulla Gabrielsson, Carlos Vitale, Ceger Hillo, Maram Al-Masri, Corina Oproae, Bengt Berg, Vivian Lemes, Tobias Burghardt und Ángela García

Ulla Gabrielsson, Carlos Vitale, Ceger Hillo, Maram Al-Masri, Corina Oproae, Bengt Berg, Vivian Lemes, Tobias Burghardt und Ángela García

Am Samstagvormittag ging es bei kühlen Temperaturen im Freien auf dem Platz des Berufungsgerichts »Hovrättstorget« vielsprachig weiter. Neben Lesungen aller neun teilnehmenden Dichter*innen stand ein bewegender Text im Mittelpunkt, der von einer ansprechenden Tanzdarbietung begleitet und auf Schwedisch, Arabisch, Deutsch und Spanisch gelesen wurde.

 

 

Víctor Rojas
Oración de un niño refugiado

Señor

Yo soy un niño cansado de caminar
tengo miedo de los caminos
y de las sombras de la noche
He dormido sobre almohadas de piedra
puestos los ojos en las estrellas

Acaso, Señor, tú rondas
de estrella en estrella
como un niño refugiado
y todos te miran de reojo
y te dan puntapiés
y te piden papeles de identificación
y te alejan de tu osito de felpa
y tu tractorcito de madera

Ojalá que no

Las estrellas tiritan, Señor
y yo quiero creer que son tus ojos
que tienen ganas de despertar
El cuerpo de mi padre
quedó en el jardín
junto al árbol de cerezas

Madre llora y acaricia mis cabellos ondulados
y aprieta mis manos y me cubre con su cuerpo
Ya nada saben mis ojos
sólo de la llama que todo lo abraza
Caminamos
caminamos
caminamos
y el fuego nos persigue

Ya no hay lugar en tu tierra, Señor

Los caminos están sembrados
de lágrimas y minas
y allá donde los caminos terminan
dicen que no hay lugar
para niños con cara de espantapájaros

Estoy cansado, Señor
he olvidado los cuentos
de piratas y ballenas azules
que mi abuelo nos contó
en tiempos de antes de la guerra

Señor
cuando mi madre y yo
lleguemos al final del camino
dile a la gente que mis pies son ampollas
a punto de reventar

Diles
que soy pequeño
y la Tierra es grande

Diles
que yo quiero volver a jugar
a la gallina ciega
y al puente está quebrado
con qué lo curaremos
con cáscaras de huevo, con cáscaras de huevo

Diles que es mentira que Tú has dibujado
sobre la Tierra
líneas que separan a la gente

© Víctor Rojas

 

 

Víctor Rojas
Gebet eines geflüchteten Kindes

Herr

Ich bin ein Kind, das müde vom Laufen ist
ich habe Angst vor den Wegen
und den Schatten der Nacht
Ich habe auf Kopfkissen aus Stein geschlafen
und die Sterne angestarrt

Bist du etwa, Herr,
von Stern zu Stern unterwegs
als ein Flüchtlingskind
und alle schauen dich schief an
und treten nach dir
und sie bitten dich um Ausweispapiere
und trennen dich von deinem Teddybär
und deinem kleinen Holztraktor

Hoffentlich nicht

Die Sterne zittern, Herr,
und ich möchte glauben, dass deine Augen
Lust haben, aufzuwachen
Der Körper meines Vaters
wurde im Garten zurückgelassen
beim Kirschbaum

Mutter weint und streichelt mein gewelltes Haar
und drückt meine Hände und beschützt mich mit ihrem Körper
Meine Augen erkennen nichts mehr,
außer der allumfassenden Flamme
Wir laufen
laufen
laufen
und das Feuer verfolgt uns

Es gibt keinen Platz mehr auf deiner Erde, Herr

Die Straßen sind gesät
mit Tränen und Minen
und wo die Straßen enden
sagen sie, gibt es keinen Platz
für Kinder mit Vogelscheuchengesichtern

Ich bin müde, Herr.
Ich habe die Geschichten
von Piraten und Blauwalen vergessen,
die uns mein Großvater
in der Zeit vor dem Krieg erzählte

Herr,
wenn meine Mutter und ich
das Ende des Weges erreichen,
sag den Leuten, dass meine Füße Blasen sind,
die gleich platzen

Sag ihnen,
ich bin klein
und die Erde ist groß

Sag ihnen
dass ich wieder
Blindes Huhn spielen werde
und eine polnische Brücke bauen
mit was denn,
mit Eierschalen, mit Eierschalen

Sag ihnen, dass es nicht wahr ist, dass du die Linien
auf der Erde
gezogen hast, die die Menschen trennen.

 

© Víctor Rojas
Übersetzt von Jona & Tobias Burghardt

 

Aufgrund der kühlen und regnerischen Witterung wurde der Festivalabschluss, der eigentlich draußen im »Rådhusparken« stattfinden sollte, kurzfristig nach innen ins Foyer des Festivalhotels verlegt. Hier lasen die neuen Dichter*innen in drei Dreierrunden mit kurzen Statements vor 40 Anwesenden und im zweiteiligen Online-Livestream auf Facebook für mehr aus Tausend Personen:

Video 1

Video 2

 

Die Festivalanthologie von Jönköping 2020

Die Festivalanthologie von Jönköping 2020

 

Es geht also doch, auch in diesen Pandemiezeiten, ein internationales Poesietreffen zu organisieren und konkret durchzuführen, wenn alle verantwortungsbewusst mitmachen, sogar ohne Mund- und Nasenschutz, lediglich mit Mindestabstand und bevorzugt frischer Luft, ansteckungsfrei. Zu verdanken war dies dem kolumbianischen Exil-Schriftsteller, Übersetzer sowie Jönköpinger Verleger und Festivalleiter Víctor Rojas und seinem sympathischen Team: Anette Höglund, Eva Edin, Jöran Linder, Mani Caspian und Colm Ó Ciarnáin. Tack så mycket!

 

 

 

© Fotos & Facebook-Videos: Internationell Poesifestival i Jönköping, Sverige

 

 

Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt (Jahrgang 1961) ist Lyriker, Übersetzer und Verleger der Stuttgarter Edition Delta (www.edition-delta.de). Er veröffentlichte mehrere Lyrikbände, darunter seine Fluss-Trilogie sowie »Septembererde & August-Alphabet«. Zuletzt erschien seine Werkauswahl »Mitlesebuch 117« (Aphaia Verlag, Berlin/München 2018) und sein aktueller Gedichtband »Die Elemente der See«. Seine Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und Einzeltitel erschienen in Argentinien, im Irak, in Japan, Kolumbien, Portugal, Serbien, Schweden, Uruguay und Venezuela. Er ist Mitbegründer und Koordinator des »Babylon Festivals für Internationale Kulturen & Künste«, das seit 2012 jährlich in Babylon und Bagdad stattfindet. Mit seiner Frau Juana Burghardt überträgt er lateinamerikanische Lyrik, katalanische Poesie, lusophone Lyrik und spanische Poesie. Sie sind Herausgeber und Übersetzer der Werkreihe von Miquel Martí i Pol, aus der Pep Guardiola im Sommer 2015 im Literaturhaus München las, und seit Herbst 2014 der Stuttgarter Juarroz-Werkausgabe, dem wir das GEDICHT-Motto »Ein Gedicht rettet einen Tag« (Roberto Juarroz) verdanken. Im Frühjahr 2017 wurden beide für ihr jeweiliges poetisches Werk und ihr gemeinsames literarisches Engagement zwischen den Kulturen und Sprachen mit dem Internationalen KATHAK-Literaturpreis in der südasiatischen Metropole Dhaka, Bangladesch, ausgezeichnet. Tobias Burghardt war GEDICHT-Redakteur der ersten Stunde und organisierte immer wieder wunderbare Sonderteile mit lateinamerikanischer Poesie für unsere Zeitschrift DAS GEDICHT.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Im babylonischen Süden der Lyrik« finden Sie hier.

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