Jubiläumsblog. Ein Vierteljahrhundert DAS GEDICHT
Folge 14: Christophe Fricker – Der Mensch hinter dem Dichter

Seit 25 Jahren begleitet die Zeitschrift DAS GEDICHT kontinuierlich die Entwicklung der zeitgenössischen Lyrik. Bis heute ediert sie ihr Gründer und Verleger Anton G. Leitner mit wechselnden Mitherausgebern wie Friedrich Ani, Kerstin Hensel, Fitzgerald Kusz und Matthias Politycki. Am 25. Oktober 2017 lädt DAS GEDICHT zu einer öffentlichen Geburtstagslesung mit 60 Poeten aus vier Generationen und zwölf Nationen ins Literaturhaus München ein. In ihrer Porträtreihe stellt Jubiläumsbloggerin Franziska Röchter jeden Tag die Teilnehmer dieser Veranstaltung vor.

Dr. Christophe Fricker (* 1978 in Wiesbaden) ist Autor, Übersetzer, Wissenschaftler und Unternehmer. Er ist Managing Partner des Leipziger Wissensdienstleisters NIMIRUM und Sprecher der Stefan-George-Forschungsgruppe am Hanse-Wissenschaftskolleg. Er ist darüber hinaus als Dozent an der University of Bristol und an der Deutschen Schülerakademie tätig.

Im Herbst 2011 war Fricker Craig-Kade Writer-in-Residence am Department of Germanic, Russian, and East European Languages and Literatures in Rutgers sowie im Sommer 2012 Gast des Rektors am Hanse-Wissenschaftskolleg. 2012 bis 2014 führte er an der University of Bristol ein Marie-Curie-Forschungsprojekt zu Ernst Jünger durch. Er publizierte in diesem Rahmen einen spektakulären Quellenfund: Mitschnitte bisher unbekannter Gespräche zwischen Jünger und dem nihilistisch-kritischen ZEIT-Journalisten André Müller. Mehr hier: http://www.aufenthalte.info/christophe-fricker/

Christophe Fricker füllt nicht nur monatlich die Rubik »Dichterbriefe« auf DAS GEDICHT blog, sondern ist vor allem Wissenschaftler, Unternehmer, Buchautor und Lyriker. Mit Franziska Röchter sprach er über religiöse Motivation, Wissensdienstleistung, interdisziplinäre Zusammenarbeit und Fake News.

Mich interessiert das lyrische Du mehr als das lyrische Ich.

Lieber Christophe Fricker, Sie stehen für tiefsinnige, aber verständliche Lyrik voller Eleganz. In Ihrem letzten Lyrikband »Meet Your Party« fiel mir besonders das Gedicht »Was dachte Gott, als er den Herbst schuf?« ins Auge. Sind Sie ein stark religiös motivierter Mensch?

Der Text entstand als Teil eines Spiels, das meine Kommilitonin Tijana Stojkovic anstieß. Reihum stellte jemand eine Frage, und jeder in der Gruppe musste mit einem Gedicht antworten.

Dass ich ein gläubiger Mensch bin, ist klar. Ich habe ja auf diesem Blog auch eines meiner Glaubensbekenntnisse veröffentlichen dürfen. Religiös heißt für mich: der Glaube, dass wir behütet sind, dass wir Mut haben dürfen, dass wir aufeinander verwiesen sind. Auch dass wir erlöst werden. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass Lyrik immer auch religiös ist. Aber es ist doch so: Lyriker wie Gläubige wissen, dass die Gnade zum Gelingen gehört. Und dass wir uns trotzdem anstrengen dürfen.

Sie sind ja nicht nur Lyriker und Autor, sondern auch Wissenschaftler. Das Ende der Religion war bereits am Horizont zu sehen, doch seit einiger Zeit ist so etwas wie eine Renaissance des Glaubens zu beobachten. Gleichzeitig entstehen neue wissenschaftliche Forschungszweige wie etwa die Neurotheologie, ein Ansatz innerhalb der Neurowissenschaften, der religiöses Empfinden und Verhalten mit den Methoden der Neurobiologie zu erforschen sucht. Was denken Sie über solche Theorien von »Gott im Kopf«?

Dass wir uns mit der Schöpfung in all ihren mehr oder weniger wunderbaren Einzelheiten beschäftigen, ist ein Ergebnis unserer Neugier. Warum sollte die sich nicht auf unsere Nerven beziehen? Aber wie ich in einer konkreten Situation gegenüber meinem Mitmenschen handeln soll, wird mir die neurowissenschaftliche Forschung in diesem Moment nicht sagen können. Das muss ich schon selbst entscheiden. Die Frage, auf welcher Grundlage ich das dann tue, steht für mich im Vordergrund. Mein Mann hat übrigens mit einigen Kollegen dazu ein inzwischen recht einflussreiches Paper geschrieben.

Der Witz der Lyrik ist, dass sie nicht die Perspektive der dritten Person annehmen und sich selbst aus dem Geschehen herausabstrahieren muss.

In Ihrem Gedicht »Fragen des Passagiers«, das den »Abend für das Gespräch mit dem Steuermann« reserviert, ebenso wie in Gedichttiteln wie »Gloria« oder »Der Hoffnungsträger« oder im »Stoischen Gedicht« mit dem Tod als steten Begleiter ist eine metaphysische Denkrichtung erkennbar. Sie selber schreiben: »Diese kleinen Texte sind mein Versuch, etwas über die Welt zu sagen.« Mir scheint, sie sind auch ein Versuch, etwas über Sie selbst und Ihr Empfinden der Welt zu sagen?

Das ist doch gerade der Witz der Lyrik: dass sie nicht, wie die Wissenschaft (in einem engeren Sinne) die Perspektive der dritten Person annehmen und sich selbst aus dem Geschehen herausabstrahieren muss. Mich interessiert das lyrische Du mehr als das lyrische Ich.

Christophe Fricker. Foto: privat

Christophe Fricker. Foto: privat

Sie studierten Politik, Germanistik und Musikwissenschaft in Freiburg, Singapur und Halifax und promovierten über Stefan George am St John’s College, Oxford. Danach arbeiteten sie als Post-doctoral Lecturing Fellow sowie bis zum Sommer 2010 als Geschäftsführender Direktor des deutschen Sprachprogramms an der Duke University. Sie übersetzen Bücher aus dem Englischen und Amerikanischen. Wäre es da nicht naheliegend gewesen, Ihre eigene Lyrik gleich selbst ins Englische zu übersetzen?

Ich bin im Moment zum ersten Mal dabei, Gedichte (nicht meine, sondern die eines ziemlich bekannten deutschen Gegenwartsautors) ins Englische zu übersetzen, und es ist ziemlich deprimierend, wie schwierig das doch ist. Ich krieg das schon hin, aber es gibt einfach zu viele Momente, wo ich nicht mit ausreichender Sicherheit vor mir selber begründen kann, warum ich so formuliere und nicht anders. Das geht natürlich nicht.

Eine Lyrik, die sich gegenüber den großen Fragen unseres Zusammenlebens verschließt, hat keine Zukunft.

Glauben Sie an die Wirkung und Zukunft des politischen Gedichtes?

Ich nehme an, dass eine Lyrik, die sich gegenüber den großen Fragen unseres Zusammenlebens verschließt, keine Zukunft hat. Und dass eine Politik, die denkt, sie kann alles machen, ihren Gestaltungsanspruch aufgibt. Insofern ist die Schnittmenge zwischen gemeinschaftsorientiertem Dichten einerseits und einem auf große Gemeinschaften gerichteten Handeln, das die Grenzen von Steuerungsfähigkeit an sich anerkennt, gar nicht so klein.

Besonders interessant finde ich Ihr Standbein als Wissensdienstleister in einer Zeit, in der beinahe sämtliches Wissen jedem frei zur Verfügung steht. Wie sieht das Endprodukt in Ihrem Unternehmen aus: Fertigen Sie wissenschaftliche Analysen an? Sind Sie als Unternehmer auch an der Mitarbeitergewinnung beteiligt und bringen Sie sich selbst als Wissenschaftler aktiv in die Expertisen mit ein?

Mal zurückgefragt: Wenn Sie wissen wollen, wie sich der Lebensmittelhandel in Polen, Italien und Spanien in den nächsten Jahren verändern wird, wo schauen Sie da nach? Wir erarbeiten Studien und Handlungsempfehlungen nach wissenschaftlichen Methoden, die es Menschen in Unternehmen und Agenturen ermöglichen, Entscheidungen auf verlässlicher Grundlage zu treffen. Die Auswahl von Mitarbeitern und Kooperationspartnern ist in der Tat eine große Aufgabe. Auch da – nicht nur bei einzelnen Projekten – bin ich als wissenschaftlich ausgebildeter Geschäftsführer beteiligt.

Wie viele Experten sind derzeit in Ihrer Unternehmung aktiv?

Wir arbeiten mit etwa 400 Experten zusammen, wobei es da ein Kernteam gibt, das regelmäßig zum Zuge kommt. Aber auch die anderen spielen für uns eine wesentliche Rolle.

Im März dieses Jahres nahmen Sie an einem Workshop in Bath mit dem Thema »Bridging the Gap: Co-Production in Modern Languages« teil. Um was genau ging es in diesem Workshop und waren die Ergebnisse für Sie zufriedenstellend?

Die Frage war, wie so oft in den britischen Geistes- und Sozialwissenschaften, wie Akademiker und außeruniversitäre Akteure enger zusammenarbeiten können. Ich versuche in solchen Foren vor allem immer ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die Frage, was Menschen eigentlich brauchen, nicht trivial ist. Wissenschaftler müssen sie sich im akademischen Normalbetrieb nicht unbedingt stellen. Ein Unternehmen muss immer fragen: Was braucht jemand? Was kann ich anbieten, um ein Problem zu lösen? Das ist ein ganz fundamentaler Unterschied, und der Grund, warum es so wenige institutionalisierte Formen gelingender Kooperation gibt, ist, dass er nicht systematisch reflektiert wird. Wir arbeiten derzeit daran, das zumindest stärker zu thematisieren.

Lieber Christophe Fricker, im April dieses Jahres sprachen Sie auf der European Communications Convention zum Thema »Fake News«.


»Facts – Who Cares?« – Vortrag von Christophe Fricker auf der European Communications Convention im März 2017

Besteht nicht gerade auch im Bereich von Kunst und Kultur die Gefahr, durch krasse Übertreibungen oder sogar aus der Luft gegriffene Behauptungen eine verzerrte Wahrnehmung der Realität zu erzeugen bzw. eine ganz neue zu schaffen? Ein paar Beispiele: »der beste Dichter aller Zeiten«, »die bekannteste Pop-Band Europas«, »DER Bestseller schlechthin« – letzterer wird ja oft schon angekündigt, bevor das Buch überhaupt erschienen ist … Können Sie ein, zwei Kriterien oder Tricks verraten, mit denen man seinen Content sowohl bei der Erstellung als auch bei der Distribution faktensicher machen kann?

Da sind wir wieder beim Glauben, oder? Du sollst nicht lügen … Man muss da sehr genau differenzieren: Falsche Versprechungen, Großspurigkeit, Nach-dem-Mund-Reden – das hat es schon immer gegeben. Meine Sorge ist eine ganz spezielle: dass Institutionen, die das Zusammenleben in einer freiheitlichen Gesellschaft auf Basis ihrer Grundwerte gewährleisten sollen, systematisch und quasi durch die Hintertür delegitimiert werden. An dieser Front stehen wir alle.

Herzlichen Dank für dieses interessante Gespräch!
 

Christophe Fricker
Meet Your Party

Gedichte / Poems
Edition Azur, Dresden 2014
120 S., Paperback
ISBN 978-3-942375-17-7

 

Franziska Röchter. Foto: Volker Derlath

Unser »Jubiläumsblog #25« wird Ihnen von Franziska Röchter präsentiert. Die deutsche Autorin mit österreichischen Wurzeln arbeitet in den Bereichen Poesie, Prosa und Kulturjournalismus. Daneben organisiert sie Lesungen und Veranstaltungen. Im Jahr 2012 gründete Röchter den chiliverlag in Verl (NRW). Von ihr erschienen mehrere Gedichtbände, u. a. »hummeln im hintern«. Ihr letzer Lyrikband mit dem Titel »am puls« erschien 2015 im Geest-Verlag. 2011 gewann sie den Lyrikpreis »Hochstadter Stier«. Sie war außerdem Finalistin bei diversen Poetry-Slams und ist im Vorstand der Gesellschaft für
zeitgenössische Lyrik. Franziska Röchter betreute bereits 2012 an dieser Stelle den Jubiläumsblog anlässlich des »Internationalen Gipfeltreffens der Poesie« zum 20. Geburtstag von DAS GEDICHT.


Die »Internationale Jubiläumslesung mit 60 Poetinnen und Poeten« zur Premiere des 25. Jahrgangs von DAS GEDICHT (»Religion im Gedicht«) ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München. Mit Unterstützung der Stiftung Literaturhaus. Medienpartner: Bayern 2.

DAS GEDICHT Logo

 

Literaturhaus München


Ein Kommentar

Kommentar verfassen