Neugelesen – Folge 23: William Shakespeare »Die Sonette«

Literatur ist vergänglich, trotz ihrer Materialität. Denn allmählich entschwinden Bücher in Archivbibliotheken und verlassen unseren Erfahrungshorizont. David Westphal möchte in Nachfolge an die Kolumne »Wiedergelesen« dagegen anschreiben. Er stellt an jedem 15. des Monats Vergessenes und Neugelesenes in seiner Rubrik »Neugelesen« vor (in memoriam Erich Jooß, † 2017).

 

Eigentlich war es nach Folge 21 von Neugelesen unvermeidlich. Dort schrieb ich über Cathrine Vidlers Lost Sonnets; Shakespeare Sonette durch den Filter visueller Poesie. Heute also die eigentlichen Sonette von William Shakespeare. Meine erste, eindrückliche Begegnung mit Shakespeare hatte ich, wie vermutlich die meisten, durch seine Dramen; genauer: Othello. In jungen Jahren war ich mit meiner Großmutter in den Münchner Kammerspielen. Ich war im Vorfeld nicht gerade euphorisch. Ich habe irgendwelche verkleideten Hampelmänner erwartet, die sich in manieristischer Übersetzung Intrigen unterstellen. Nur wenig Ahnung hatte ich zu diesem Zeitpunkt von Theater und erst recht von Shakespeare. Dass ich danach ganz begeistert sein würde, war von meiner Seite nicht zu erwarten. Meine Großmutter hingegen freute sich auf einen Abend großer Weltliteratur. Was wir dann zu sehen bekamen, war eine minimalistische Aufführung, dunkel, Zwielicht, schlichte Anzüge, Mord und eine derbe Sprache, wie sie einen jungen, sich in der Rebellion befindenden Menschen nur begeistern kann – konträr zu meiner Großmutter, die entsetzt war. Einordnen konnte ich das nicht. Wie war es möglich, dass Shakespeares Stück so derb war? War er nicht dieser literarische Feingeist – eher als Schmähung intendiert, statt als Auszeichnung – aus grauen, altertümlichen Vorzeiten?

Ein paar Tage darauf unterhielt ich mich mit meinem Deutschlehrer, der zugleich auch Englisch unterrichtete und das Stück ebenfalls gesehen hatte. Er war zu meiner Überraschung ganz auf meiner Seite und erklärte mir, dass zwar das Shakespeare-Englisch heutigen englischsprachigen Menschen auch archaisch erscheint, zu Shakespeares Zeit aber schon etwas Skandalöses hatte. Es war schließlich ein Drama, das erschüttern sollte. Was ich also im Theater zu sehen bekam, war eine Übertragung des Stückes in zeitgenössischen Kontext, und für mich schon einer dieser Schlüsselmomente: vergangene Literatur ist nicht (nur) dazu da, Schülerinnen und Schülern ihre Beziehung zur Literatur zu vergiften. Ein Glück!

Die Sonette Shakespeares, 154 an der Zahl und damit ein Großzyklus, führen im Verhältnis zu seinen Dramen eher ein Schattendasein. In einem Essay von Manfred Pfister, abgedruckt in dem Band mit den Neuübersetzungen von Christa Schuenke, ist schön dargelegt, wie die Sonette in der Literaturgeschichte nicht nur übersehen, sondern regelrecht geschmäht wurden. „Wir haben die Sonette Shakespeares nicht nachgedruckt, weil auch das strengste Parlamentsgesetz nicht reichen würde, ihre Lektüre zu erzwingen“, schrieb George Stevens 1793 zu seiner neuen Gesamtausgabe, die offenbar eher als Ausgewählte Schriften bezeichnet werden müsste.

Mittlerweile sind sie kein Geheimtipp mehr. Doch was macht die geringe Beachtung respektive Verachtung der Sonette plausibel? Mithin gelten Gedichte, die Shakespeare in seinen Dramen platziert hat, als höchste Dichtkunst. Eine mögliche Erklärung ist das thematische Spektrum. Sie treten als Erlebnis- und Liebeslyrik auf: hingebungsvoll, lamentierend, lebensweisheitlich, persönlich, menschlich begehrend. Aber als solche sind sie eben sehr lesenswert, das muss man ganz nüchtern festhalten. Ob sie nun tatsächlich so persönliche Erlebnislyrik ist, wie sie erscheint, ist eine Frage für die Literaturwissenschaft und Interessierte („biographische Rätsel“, wie sie Manfred Pfister nennt). Wer ist die „dark lady“? Wem gilt die Widmung „Mr. W. H.“? Was für Umtriebe leiteten ihn für das Sonett XX: „master-mistress of my passion“? Aber das ist mir heute egal. Denn wie er die antike Idee der androgynen Liebe in ein Sonett verwandelt, begeistert mich schier!

Das heißt: eigentlich fällt es mir schwer, mich für seine Sonette zu begeistern, denn das originale Englisch ist für mich nur schwer lesbar. Doch die Übersetzungen, wie sie die Übersetzerin eindeutig betitelt haben möchte – statt etwa Übertragungen oder Nachdichtungen –, machen richtig Lust! Es war aber dennoch die richtige Entscheidung, eine zweisprachige Ausgabe daraus zu machen, denn der Blick ins nebenstehende Original weckt meinen sprachlichen Entdeckergeist. In diesem Band zehren beide Fassungen voneinander. Schuenke zeigt mir – wie damals die Münchner Kammerspiele – dass es andere Zugänge zu Shakespeare gibt, als den blank historischen. Da möchte man beinahe die englischen Muttersprachler bemitleiden, denen diese neue Lust auf die Sonette verwehrt bleibt, sofern sie nicht auch Deutsch sprechen können.

Rechtlich ist es freilich nicht möglich, hier zum Schluss ein Original nebst der Übersetzung als Appetitanreger zu zeigen, denn auch eine Übersetzung hat zurecht den Status als eigenständiges Werk. Nichtsdestotrotz hoffe ich, die Neugier auf diese Entdeckung aus dem Deutschen Taschenbuchverlag zu wecken mit diesem mir jetzt schon sehr liebgewonnenen Sonett über Licht und Schatten, Traum und Wirklichkeit, Wahrnehmung und Trug. Wie eine Szenerie aus frühen surrealistischen Filmen, die erst Jahrhunderte später die Leinwände erleuchten.

 

XLIII
When most I wink, then do mine eyes best see,
For all the day they view things unrespected;
But when I sleep, in dreams they look on thee,
And, darkly bright, are bright in dark directed.
Then thou, whose shadow shadows doth make bright,
How would thy shadow’s form form happy show
To the clear day with thy much clearer light,
When to unseeing eyes thy shade shines so?
How would, I say, mine eyes be blessed made
By looking on thee in the living day,
When in dead night thy fair imperfect shade
Through heavy sleep on sightless eyes doth stay!
All days are nights to see till I see thee,
And nights bright days when dreams do show thee me.

 

Eine letzte, humorvoll gemeinte Parallele, die mir hoffentlich keiner der heutigen Shakespeare-Jünger übel nimmt: Als der Übersetzer Harry Rowohlt verstorben ist, kursierte eine kleine Karikatur von Hauck&Bauer im Internet. In einer Sprechblase stand geschrieben: „Das Buch mußt Du in der Übersetzung von Harry Rowohlt lesen. Im Original geht da viel verloren.“

 

"Die Sonette" von William Shakespeare

Buchcover-Abbildung (dtv)

 

 

 

 

 

 

William Shakespeare
Die Sonette
Zweisprachige Ausgabe
Deutsch von Christa Schuenke
dtv, München 2018
Softcover, 196 Seiten
ISBN 978-3-423-12491-1

 

 

 

David Westphal. Foto: Volker Derlath

David Westphal. Foto: Volker Derlath

David Westphal, geboren 1989 in München, wo er auch lebt. Studium der Philosophie, Germanistik, Literatur- und Kulturtheorie zu Gießen und Tübingen. Gedichtveröffentlichungen in verschiedenen Anthologien.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Neugelesen« finden Sie hier.

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