Im babylonischen Süden der Lyrik – Folge 41: »JETZIGE SEPHARDISCHE POESIE – DIE WUNDERBAREN BÜCHER VON MYRIAM MOSCONA ›TELA DE SEVOYA‹ UND ›ANSINA‹«

Tobias Burghardt flaniert jeweils am 5. eines Monats auf DAS GEDICHT blog durch die südlichen Gefilde der Weltpoesie. In der Rubrik »Im babylonischen Süden der Lyrik« werden Sprachgemarkungen überschritten und aktuelle Räume der poetischen Peripherien, die innovative Mittelpunkte bilden, vorgestellt.

 

Myriam Moscona veröffentlichte jüngst ihren allerersten und wahrscheinlich einzigen, weil kompositorisch vollends innovativ entworfenen poetischen Roman »Tela de sevoya« (Zwiebelschale), für den sie mit dem renommierten mexikanischen Literaturpreis »Premio Xavier Villaurrutia« 2012 ausgezeichnet wurde und der im Oktober 2017 unter dem Titel »Tela de sevoya (Onioncloth)« in englischer Fassung der amerikanischen Dichter und Übersetzer Jen Hofer und John Pluecker in Los Angeles erschienen ist. Und 2015 veröffentlichte Myriam Moscona dann den auch von mir lange erhofften umfassend sephardischen Lyrikband »Ansina« (So ist es). Diese beiden Werke der mexikanischen Dichterin bulgarisch-sephardischer Herkunft Myriam Moscona sind »absolut außerwöhnlich«, sie »verbinden Vergangenheit und Gegenwart, Leben und Tod, Erinnerung und Imagination im selben Raum«, wie der argentinische Lyriker Juan Gelman dazu bemerkte.

Den poetischen Kern ihrer wunderbaren Bücher bildet die sephardische Sprache selbst, die Sprache ihrer Kindheit, die zugleich die ›Kindheit‹ ihrer Sprache, des Spanischen, ist: eine labyrinthische Geschichte, die familiären Geschichten der Wanderung, ihre Wegspuren und gegenwärtige Aktualität, siehe dazu auch »Im babylonischen Süden der Lyrik« Folge 36  und Folge 28.

 

Myriam Moscona

Die sephardische Dichterin Myriam Moscona (Foto Tobias Burghardt)

Myriam Moscona

En el corazón hay voces
de otros tiempos

Lus vieshus havlan
linguas muertas

Antes que olvidaras
¿podías recordarlo?

La ceniza
Flotaba ya en el mar

Aínda ascolto el travasho de las aguas Amata el huego
Amata pasaharica il sunido de la mar

© Myriam Moscona

 

 

Myriam Moscona

Im Herzen gibt es Stimmen
aus anderen Zeiten

Die Alten sprechen
tote Sprachen

Konntest du dich, bevor du es vergisst,
daran noch erinnern?

Die Asche
Trieb schon ins Meer

Noch hör ich die Arbeit der Gewässer Lösch das Feuer
Besänftige, Vöglein, den Klang des Meers

Aus dem Spanischen & Sephardischen von Juana & Tobias Burghardt

 

Im März 1955 wurde Myriam Moscona in Mexiko-Stadt geboren. Sieben Jahre vor ihrer Geburt wanderten ihre Eltern dorthin aus. Das Flugzeug musste jedoch auf den Bahamas zwischenlanden, weil ihre hochschwangere Mutter niederkam. So wurde ihr älterer Bruder da geboren und erhielt die britische Staatsbürgerschaft. Als sie dann in der Schule war, erspähte die Dreizehnjährige in der eigenen Schulakte hinter dem Begriff »Nationalität« die Bezeichnung »Apátrida« (staaten- bzw. heimatlos) – und also dachte sie sich damals, »Apátrida« hieße ein exotisches Land oder eine bulgarische Stadt. Aus jener Kindheitserinnerung entstand ihr Gedicht »Einbürgerungsurkunde«, nachdem ihnen bald darauf die mexikanische Staatsangehörigkeit zuerkannt wurde.

Ihre Eltern waren bulgarische Sepharden, die im Zweiten Weltkrieg aus ihrem Haus vertrieben wurden, ihr Hab und Gut verloren und als Gefangene in den Flüchtlingslagern überlebt hatten. Ihre Mutter, gebürtig in Sofia, Opernsängerin in Bulgarien und Israel, sprach mehrere Sprachen. Und ihre Großmutter väterlicherseits, eine Türkin aus Istanbul, besaß noch immer einen Schlüssel aus Toledo. Das lateinamerikanische Einwanderungsland Mexiko wurde zum Zufluchtsort ihrer Familie, in der das Sephardische so selbstverständlich gesprochen wurde, dass sie sehr lange Zeit glaubte, überall würden Großeltern jene Sprache sprechen: ein »Spaniolisch« mit Worteinsprengseln aus anderen Welten, die untergegangen waren. Das Fremdsein und die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Kulturen begründete ihr vertrautes »Exil in Miniatur«. Nach der Schulzeit studierte sie Kommunikationswissenschaften an der Universität von Mexiko-Stadt.

Die Dichterin, Übersetzerin und Journalistin gehört den herausragenden Autorinnen Mexikos, debütierte 1983 mit dem Band »Último jardín« (Letzter Garten) und wurde 1988 für ihren zweiten Lyrikband »Las visitantes« (Die Besucherinnen) mit dem mexikanischen Lyrikpreis »Premio Nacional de Poesía Aguascalientes« geehrt. Weitere acht Gedichtbände folgten; einzelne Gedichte wurden in zwölf Sprachen übersetzt, darunter Arabisch, Deutsch, Englisch, Hebräisch, Russisch, Schwedisch und Türkisch. Von 1993 bis 2001 leitete sie die mexikanische Kulturfernsehsendung »9:30« von Canal 22, der 1998 von der Unesco als »Bester Kulturkanal der Welt« gekürt wurde. In Portugal erschien ihr Band »Negro Marfil« (Elfenbeinschwarz), Mexiko-Stadt 2000, der im Internationalen Übersetzerhaus »Casa de Mateus« anlässlich eines Dichtertreffens kollektiv ins Portugiesische gebracht wurde. Die englische Übersetzung »Ivory Black« der kalifornischen Lyrikerin Jen Hofer wurde 2012 sowohl mit dem »PEN Award for Poetry in Translation« des »PEN American Center« als auch mit dem »Harold Morton Landon Translation Award« der »Academy of American Poets« ausgezeichnet. Myriam Moscona hat ihrerseits William Carlos Williams sowie eine Lyrikanthologie von Kenneth Rexroth ins Spanische übersetzt und arbeitet für mehrere lateinamerikanische und spanische Literaturzeitschriften. Myriam Moscona lebte bis zum Erdbeben im vorvergangenen Jahr in Colonia Condesa in Mexiko-Stadt; seither gilt das Wohnhaus, in dem zuvor auch Juan Gelman zu den Nachbarn gehörte hatte, als einsturzgefährdet und unbewohnbar, siehe dazu auch »Im babylonischen Süden der Lyrik« Folge 26.

Ihre Poesie umkreist die mannigfaltigen Formen der Vergänglichkeit und mischt bisweilen liturgische und alltägliche Fragmente mit erotischen und mythischen Überblendungen. Aus ihren lange Jahre unveröffentlichten sephardischen Gedichten entstammt das obige Poem aus dem Zyklus »La hoja de la adormidera« (Das Mohnblatt), in dem einige sephardische Verse eingestreut sind, von denen Myriam Moscona sagt, sie seien »ein Fenster oder wie der Atemhauch auf der Glasscheibe dieses Fensters«.

Ansina, quirinsioza.

 

Myriam Moscona "Tela de sevoya"
 

 

 

 

 

 

 

 

»Tela de sevoya« von Myriam Moscona

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Myriam Moscona "Tela de sevoya"

 

 

 

 

 

 

 

 

 

»Tela de sevoya (Onioncloth)« von Myriam Moscona

bei Les Figues Press (Los Angeles) kaufen

 

 

 

Myriam Moscona "Ansina"

 

 

 

 

 

 

 

 

 

»Ansina« von Myriam Moscona

bei Vaso Roto Ediciones (Madrid) kaufen

 

 

 

 

Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt (Jahrgang 1961) ist Lyriker, Übersetzer und Verleger der Stuttgarter Edition Delta (www.edition-delta.de). Er veröffentlichte mehrere Lyrikbände, darunter seine Fluss-Trilogie sowie »Septembererde & August-Alphabet«. Zuletzt erschien seine Werkauswahl »Mitlesebuch 117« (Aphaia Verlag, Berlin/München 2018). Seine Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und Einzeltitel erschienen in Argentinien, im Irak, in Japan, Portugal, Serbien, Schweden, Uruguay und Venezuela. Er ist Mitbegründer und Koordinator des »Babylon Festivals für Internationale Kulturen & Künste«, das seit 2012 jährlich in Babylon und Bagdad stattfindet. Mit seiner Frau Juana Burghardt überträgt er lateinamerikanische Lyrik, katalanische Poesie, lusophone Lyrik und spanische Poesie. Sie sind Herausgeber und Übersetzer der Werkreihe von Miquel Martí i Pol, aus der Pep Guardiola im Sommer 2015 im Literaturhaus München las, und seit Herbst 2014 der Stuttgarter Juarroz-Werkausgabe, dem wir das GEDICHT-Motto »Ein Gedicht rettet einen Tag« (Roberto Juarroz) verdanken. Im Frühjahr 2017 wurden beide für ihr jeweiliges poetisches Werk und ihr gemeinsames literarisches Engagement zwischen den Kulturen und Sprachen mit dem Internationalen KATHAK-Literaturpreis in der südasiatischen Metropole Dhaka, Bangladesch, ausgezeichnet. Tobias Burghardt war GEDICHT-Redakteur der ersten Stunde und organisierte immer wieder wunderbare Sonderteile mit lateinamerikanischer Poesie für unsere Zeitschrift DAS GEDICHT.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Im babylonischen Süden der Lyrik« finden Sie hier.

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