»Die großen Gedichte sind immer aktuell« – Lyrik mit Pep: Guardiola liest Martí i Pol

ein Bericht von Jan-Eike Hornauer

München. Was für ein Gewusel im Literaturhaus am Dienstagabend: Der Saal ist voll besetzt (wie erwartet, denn schon seit Wochen ist die Veranstaltung ausverkauft), Kameraleute, Fotografen, schreibende und tippende Journalisten sind in reicher Zahl vertreten, die Organisatoren und PR-Leute kümmern sich emsig und mit noch etwas angespanntem Siegerlächeln um Publikum, Auftretende, Pressemeute. Es ist unüberseh-, unüberfühlbar: Hier steigt ein besonderes Event! Was es gibt? Lyrik. Noch dazu von einem Katalanen, der überdies auch noch tot ist – und mithin kaum selbst seine Verse vortragen kann. Aber wie passt das zusammen, all dieser Rummel – und dieser Inhalt? Warum interessieren sich sogar die ARD-Nachrichten dafür?

Pep Guardiola bringt Poesie auf die Bühne: ein Abend für Miquel Martí i Pol im Literaturhaus München. Foto: Jan-Eike Hornauer

Pep Guardiola bringt Poesie auf die Bühne: ein Abend für Miquel Martí i Pol im Literaturhaus München. Foto: Jan-Eike Hornauer

Lyrik auf der großen Bühne

Ganz einfach, um Lyrik geht es hier zwar im sachlichen Kern, das eigentliche Zugpferd aber ist der Rezitator, und der ist niemand anderes als eine der Ikonen des globalen Sporttheaters: Pep Guardiola. Er, selber Katalane, wird ausgesuchte Gedichte seines verstorbenen Freundes Miquel Martí i Pol lesen. Und damit, das sei schon einmal vorweggenommen, diesem sowie der Lyrik allgemein einen großen Dienst erweisen. Denn auch wenn am Ende Guardiola mehr im Mittelpunkt des mit »Der Poet und der Spielmacher« überschriebenen Abends stehen wird (was neben seinem Status vor allem der nicht immer glücklichen Moderation von Michael Ebmeyer zuzuschreiben ist), so ist es doch unbestreitbar, dass er die Ursache darstellt nicht nur für den Erfolg des Events, sondern auch dafür, dass Lyrik in ungewohnter Breite wahrgenommen und dass ein herausragender Dichter eine Bühne bekommt, die er ohne Guardiola in Deutschland so wohl niemals erhalten hätte.

»Niemand hat vom Tod und von der Liebe so gesprochen wie er«

Guardiola hat also im besten Sinne Werbung gemacht, Werbung für den toten katalanischen Poeten, der in seiner Heimat schon längst Bestsellerautor sowie fest im literarischen Kanon verankert ist, ebenso wie für die Lyrik im Allgemeinen, die seit jeher einen wichtigen und unverrückbaren Platz im Leben des Fußball-Meistertrainers (früher FC Barcelona, heute FC Bayern München) innehat.

Was für ihn die Ausnahmestellung des Poeten Miquel Martí i Pol ausmacht, warum er diesen in besonderem Maße verehrt? Für Guardiola leicht zu beantworten: »Niemand hat vom Tod und von der Liebe so gesprochen wie er.« Martí i Pol hat Verse geschaffen, die Guardiola wirklich bewegen – und nicht nur ihn. Auch dadurch, dass Liedermacher seine Texte vertont haben, ist Martí i Pol zu einem Superstar der katalanischen Literaturszene emporgestiegen. Vertont wiederum wurden sie aus zwei klar ersichtlichen Gründen: Martí i Pol verwendet, wie Guardiola zu recht attestiert, eine »sehr einfache und zugängliche Sprache, die sehr bildreich« ist.

Poesie, die schon fast Musik ist

Und seine Gedichte sind aus sich heraus schon nahe an der Musik, zumindest im Original und wenn man sie so kunstvoll vorträgt wie Guardiola. Das Wunderbare an seinem Lesen: Er hat den wunderbaren Fluss, das Melodiöse der Verse des großen katalanischen Dichters ausgezeichnet herausgearbeitet, hat ebenso ruhig wie akzentuiert und stets dem Text angemessen die Gedichte gebracht. Ganz besonders bei den Marta-Gedichten, Beispielen aus dem bekanntesten Band des Autors, »Estimada Marta / Liebe Marta«, war deutlich, wie sehr die Zeilen Martí i Pols bewegen, berühren und auch wohlfühlen lassen – sogar dann, wenn man kein Wort versteht. Das Schöne: Man musste hier auch gar nichts verstehen, denn die Übersetzung folgte während des ganzen Abends stets auf das Original, ja, ging ihm zuweilen gar voraus. Routiniert und professionell, doch ohne erkennbare Nähe zum Text trug Schauspieler Thomas Loibl die deutschen Fassungen vor.

Dreck, Verfall, Abgründe – und Humor

In großen Sprüngen führte der Abend in chronologischer Folge durch Martí i Pols Werk. Den Auftakt machten Arbeitergedichte aus seinem Zyklus »La Fàbrica / Die Fabrik« von 1971. Schon hier zeigt sich eindrücklich, was allgemein typisch für das Werk von Martí i Pol (Jahrgang 1929, Debütband »Paraules al vent / Wörter im Wind« 1954) ist: Er scheut sich nicht, das Raue, Widerborstige, Erschreckende, Abgründige der Realität zu zeigen. Es gibt Staub, Tod, Dreck, Verfall, Ungerechtigkeit in seinen Gedichten – aber es scheint eben auch, zumindest meist, das vielbemühte Licht am Ende des Tunnels auf. Er macht einen nicht hoffnungslos, obwohl er die Wirklichkeit offenbart. Und er mag seine Protagonisten. Was hier noch nicht so erkennbar ist und zu solch engagierter Lyrik aber auch schlecht passen würde: Martí i Pol verfügt, wie in seinen späteren Werken deutlich wird, auch über ausgesprochen viel Humor, einen feinen, der sehr gerne auch ihn selber trifft.

Von Moderator Ebmeyer, der Autor ist, Fußballfan und Katalonienkenner, gefragt, ob denn derlei Arbeiterlyrik heute noch zeitgemäß sei, erklärte Guardiola: »Die großen Gedichte sind immer aktuell, sie sterben nie.« Und er verwies darauf, dass auch in unseren Tagen die Arbeitswelt für viele noch sehr hart sei – und somit auch das Thema an sich alles andere als verblasst.

Thema Liebe – es wird sanfter

Zartere Töne wurden im nächsten Gedicht-Block angeschlagen: Es folgten Liebesgedichte aus »Estimada Marta / Liebe Marta«. Wie schon erwähnt, verzauberte hier bereits der Klang des Vortrags der Originale in ganz besonderem Maße. Und die Übersetzungen, hingebungsvoll angefertigt von Juana und Tobias Burghardt, dargebracht von Thomas Loibl, blieben auch keineswegs ohne Wirkung. Wer kennt sie nicht oder sehnt sich zumindest nach ihr: »jene Einsamkeit ohne Danach, / die wir teilen, bis sich die Klänge erschöpfen«. Wer möchte nicht gerne sagen (weil es stimmt und weil er solche Worte dafür findet): »und ich verliere mich mit dir an unbekannten Orten, / dabei bleibt kein Raum zwischen deinem Körper und meinem. / Wir gelangen ins Herz der Spirale, / über Brücken, ohne Furcht vor dem Wind, / über Meere, mit Ansporn des Feuers. / Verrückt wie ich, hörst du mir zu und lächelst. Alle Wege sind zum Laufen geeignet.«

Gelungener Auftakt, missglücktes Zwischenspiel

Ein gelungener Auftakt war gemacht: Die Veranstalter-Grußworte zu Beginn des Abends – gehalten von Reinhard G. Wittmann (Leiter Literaturhaus), Klaus-Dieter Lehmann (Präsident Goethe-Institut) und Àlex Susanna (Direktor Institut Ramon Llull) waren angenehm kurz und informativ ausgefallen. Das Einführungsinterview Pep Guardiolas auf der Bühne hatte nach einem in Länge und Thema (klar, auch Fußball musste vorkommen) angemessenen Zeitraum geendet, die Lyrik hatte in erwartbarem Tempo Raum gegriffen – und diesen prächtig ausgefüllt.

Doch statt mit dem gerade eingeläuteten Konzept, Gedichte in kleinen Runden zu präsentieren und dazwischen nur knappe, auf ebenjene Gedichte bezogene Fragen zu stellen, erlag Moderator Ebmeyer nun der Versuchung, möglichst viel Fußball in den Abend hineinzuziehen, stellte endlos Fragen, die auf Literatur-Sport-Vergleiche abzielten, verfolgte damit eine Interview-Richtung, die letztlich im Grotesken verendete. Ein Beispiel gefällig? »Welche Parallelen gibt es zwischen dem Lesen eines Fußballspieles und dem Lesen eines Textes?«, wollte Ebmeyer unter anderem wissen.

Es ist sicher auch der umfänglichen Medienerfahrung Guardiolas zu verdanken, dass er selbst auf solche Fragen am Ende noch sinnvoll zu antworten vermochte – wenngleich eine direkte Antwort auch ihm nicht immer möglich war, er sich in Extremfällen also rein auf den Assoziationsraum der Frage in seinen Ausführungen bezog statt auf die Frage selbst.

»Er hat mich immer gebeten, dass ich ihm seine Gedichte vorlese«

Doch immerhin, war sie auch in Ausrichtung und Länge insgesamt missglückt, so enthielt selbst diese Zwischenspielrunde gute Momente. Als Guardiola etwa berichtete: »Immer wenn ich ihn besucht habe, hat er mich gebeten, dass ich ihm seine Gedichte vorlese.« Und diese Szene freilich in knappen Strichen noch etwas genauer zeichnete, da konnte man einen Eindruck erhaschen von tiefer Bewunderung und Zuneigung, von Innigkeit auch und von der Leidenschaft des Fußballcoaches für das geschriebene Wort im Allgemeinen und die hohe Dichtkunst Martí i Pols im Besonderen.

»Lyrik ist etwas sehr Privates«

Zudem konnte hier mit einem Gerücht aufgeräumt werden, das schön klingt, sich wohl auch deshalb hartnäckig hält, aber leider falsch ist: In seiner Zeit als Barca-Trainer, wird gerne kolportiert, habe Guardiola den Spielern zuweilen Gedichte von Martí i Pol in der Kabine vorgetragen, um sie zu motivieren. Das stimmt nicht. »Die Spieler waren auch so sehr motiviert«, stellte Guardiola fest. Außerdem ist für ihn die voll besetzte Umkleidekabine ohnehin nicht der richtige Raum für Lyrik: »Lyrik ist doch etwas sehr Privates.« Für ihn gehört sie deswegen in einen intimen Rahmen – oder allenfalls noch in eine öffentliche Literaturveranstaltung.

Die Zwischenrunde bot also durchaus auch ein paar schöne Einblicke. Es bleibt aber doch festzuhalten: Für einen Abend, der aufgerundet gerade einmal 90 Minuten gedauert hat (Verlängerung wäre gut und richtig gewesen – und dem Rezitator aus seinem fußballerischen Berufsleben ja nun auch nicht eben unbekannt), für den war sie einfach überlang. Ein Lesungsevent ist kein Interviewtermin, vor allem dann nicht, wenn mehr auf den Lesenden als auf den Autor oder sein Werk eingegangen wird und die Fragen überdies sehr bemüht daherkommen.

Poetischer Zauber kehrt zurück

Weiter ging es mit Werken Martí i Pols aus den 80er und 90er Jahren. Schnell war der poetische Zauber wieder da – doch auch viel zu schnell dann die Lesung vorbei. Lediglich rund ein Dutzend Gedichte gab es insgesamt zu hören. Die jedoch, ist zu betonen, waren von solcher Qualität, dass sich der Literaturhaus-Besuch auch für Nicht-Guardiola-Fans sicher gelohnt hat – und auf einen Punkt gebracht, muss man den Abend in summa, bei aller einschränkenden Kritik, auch gewiss als gelungen bezeichnen.

Die dargebotenen Gedichte aus den frühen 80er Jahren waren abermals vom Politischen geprägt – und von einer optimistischen Aufbruchsstimmung. Die Franco-Diktatur war vorüber, und „alles liegt vor uns und alles ist möglich“ befindet Martí i Pol im Poem »Genau jetzt«, im nächsten geht es ihm um »Mehr Leben«.

Rückzug ins Private – Trotz, Humor und auch Pathos bleiben

Den Abschluss bildeten Gedichte aus dem Band Martí i Pols, den er Pep Guardiola und dessen Frau Cristina Serra gewidmet hat, aus dem »Buch der Einsamkeiten / Llibre de les solituds«. Hier zeigt sich der Kämpfer, immer noch, und der alte Mann, der vom Leben gezeichnet ist (ihn hatten wirklich starke Schicksalsschläge getroffen: auf die Tuberkulose-Diagnose von 1948, er war gerade 19 Jahre alt, folgte 1971 die Feststellung, dass er an multipler Sklerose erkrankt war, und 1984 verstarb seiner erste Frau). Hier wird Trotz großgeschrieben, und das allzu Ernste, deutlich stärker noch als in seinen vorherigen Werken, mit Humor gemildert. Er verklärt nicht, selbst nicht an seinem Ende. Und verzweifelt auch nicht, sondern macht erträglich, unter anderem indem er über sich selber lacht, sich sympathisch verspottet, seiner Größe bewusst – und der tragikomischen Jämmerlichkeit des Menschen an sich. Die erzählte Welt ist klein geworden, das Gesellschaftlich-Politische ganz dem Privaten gewichen. »Mit Musik von Bach« wird da versöhnlich auf das eigene Leben geblickt, in großer und kunstvoller Innerlichkeit, die aber nie zum Pathos erstarrt. »Ein Selbstbildnis mit 67 Jahren« inklusive altersgerechtem Bauch wird gezeichnet (»Unaufdringlich / – dafür muß man dankbar sein – bekommt der Bauch / die Rundung, wie ihn die Handbücher vorschreiben.«), humorvoll und melancholisch. Der Horizont ist nicht mehr irgendwo im Unendlichen zu suchen, sondern im klar durch enge Mauern begrenzten Raum (»Hotelzimmer«). Und alles strebt auf dieses hier zu, den »Schlusspunkt« (so ist das letzte Gedicht des Abends überschrieben):
 

SCHLUSSPUNKT

Ich verlasse alles, weihe aber Licht ein.
Ich werde einen Schritt weiter gehen und vor mir fliehen,
um den Eindruck einer Sehnsucht zu bewahren,
von der ich weiß, daß sie mich nie verlassen wird.
Die Güter zu verlieren, verleiht mir Freiheit.
Der Spiegel zerbrach in tausend Stücke,
und in jedem sehe ich mich grenzenlos.
Liebe, Liebe, du rufst mich, wenn ich nicht dort bin,
auf welchen Wegen gehst du mir zu oft verloren, wenn ich
dich zum Geschlecht, dem Herzen und Verstand bringe?
Ich verlasse alles und lerne geheime Schlüsselzeichen
in der hellen Stille der Nacht.
Morgen male ich mich auf eine Wand,
übermorgen, wenn ich Lust habe, stelle ich mich tot,
und am dritten Tag werde ich auferstehen.
Danach werden die Verse über mich lachen,
und ich lache über die Verse, zufrieden.
Ich werde viele oder vielleicht keiner sein.
Ich verlasse alles, greift zu, Leute.
Wer ich nicht bin, dem gefällt das Durcheinander.
Der ganze Sturm bestürmt mich recht wenig.
Allein ein Frauenkörper macht mich glücklich,
jetzt beschreibe ich ihn und schließe feierlich die Augen.
Ich warte auf den Blitz, der mich erlösen soll.
Nach und nach werde ich mich aufrichten.
Der große Augenblick naht. Ich verlasse alles.

Aus dem Katalanischen übertragen von Juana und Tobias Burghardt
 

Parlavà-Suite gefolgt von Jemand wartet & Buch der Einsamkeiten – Suite de Parlavàaus: Miquel Martí i Pol: »Buch der Einsamkeiten«, in: »Parlavà-Suite gefolgt von Jemand wartet & Buch der Einsamkeiten – Suite de Parlavà«. Aus dem Katalanischen von Juana & Tobias Burghardt. Edition Delta, Stuttgart 2012. ISBN 978-3-927648-46-3

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